Lew Tolstoi: Anna Karenina

Wenn man Bücher in unterschiedlichen Lebensabschnitten liest, ist das meist eine interessante Erfahrung. Romane, die ich früher brillant fand, können an Glanz verlieren. Von der zweiten Lektüre von Verbrechen und Strafe war ich enttäuscht, während ich die Brüder Karamasow weiterhin großartig fand.

Anna Karenina (1877) gehört in die letzte Kategorie. Zu den berühmtesten Romanen der Weltliteratur zählend, ein gutes Beispiel, dass Kanonisierung funktionieren kann. Je länger der Abstand, desto sicherer die Urteile der Nachwelt. Irrtümer sind möglich und es mögen Meisterwerke unterverdient der Vergessenheit anheim fallen. Wird ein Buch aber von Kennern nach mehr als 100 Jahren immer noch gelesen, ist die Wahrscheinlichkeit für exzellente Qualität sehr hoch.

Was macht die spezifische Qualität des Romans aus? Gepriesen wird üblicherweise die Kunst Tolstois, „echte“ Menschen mit literarischen Mitteln zu erschaffen. Er stünde hier auf der gleichen Stufe wie Shakespeare. Tolstoi ist tatsächlich einer der großen Könner des Realismus. Nach der Lektüre seiner Romane und Erzählungen „kennt“ man Russland als hätte man selbst einige Monate mit seinen Figuren gelebt.

Ich kann an dieser Stelle nur auf einige Aspekte hinweisen, was die spezifischen Qualitäten der Anna Karenina ausmacht. Tolstoi variiert den realistischen Stil subtil je nach Figur und Situation, was beim Einsatz eines allwissenden Erzählers ungewöhnlich ist. Einige seiner Stilmittel weisen bereits auf den modernen Roman voraus. Inhaltlich und strukturell erzeugt Tolstoi den Eindruck der realistischen Fülle, in dem er zwei Erzählstränge miteinander verknüpft. Er erzählt eigentlich zwei Romane in einem. Die Ehebruchsgeschichte der Anna Karenina hat als Hintergrund das urbane Leben der russischen Elite. Von Bällen bis zu Regierungsintrigen reicht das Spektrum. Der Komplex rund um Konstantin Lewin spielt überwiegend am Land. Tolstoi nutzt diesen Teil nicht nur zur Darstellung des russischen Landlebens, von Aristokraten bis hin zum Leibeigenen, sondern ebenfalls um eine intellektuelle Biographie zu zeigen. Lewins Auseinandersetzung mit seiner Weltanschauung, seine Diskussionen mit anderen, seine Gewissensbisse und seine progressiven Landwirtschaftstheorien sind ein strukturell meisterhaftes Gegenstück zur Ehebruchsgeschichte.

Wie elegant Tolstoi die weltanschaulichen und philosophischen Aspekte in Anna Karenina einbettet, wird sofort deutlich, wenn man es mit Krieg und Frieden vergleicht. Hier fügte Tolstoi lange geschichtsphilosophische Abhandlungen ein, welche die Romanhandlung unterbrechen. Der strukturelle Gesamteindruck des Romans leidet darunter.

Ab einer gewissen Fülle an Themen entsteht beim Leser automatisch der Eindruck einer „vollständigen“ fiktionalen Welt entsteht, wenn diese Themen strukturell plausibel verknüpft sind. Ein Autor muss nicht buchstäblich „alles“ beschreiben, es reicht, wenn er hinreichend viel beschreibt. Wenige haben es wie Tolstoi verstanden, mit diesen psychologischen Rezeptionsmechanismen so geschickt zu spielen wie Tolstoi.

Lew Tolstoi: Anna Karenina.. Neu übersetzt von Rosemarie Tietze. (Carl Hanser)

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„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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