Über das zweite Lesen

Es gibt Schriftsteller, hatte ich zu Gambetti gesagt, die begeistern den Leser, wenn er sie zum zweiten Mal liest, in noch viel höherem Maße als das erste Mal, mit Kafka geht es mir jedesmal so. Ich habe Kafka als einen großen Schriftsteller in Erinnerung, hatte ich zu Gambetti gesagt, aber ich hatte beim Wiederlesen absolut den Eindruck, einen noch viel größeren gelesen zu haben. Nicht viele Schriftsteller werden beim zweiten Lesen wichtiger, großartiger, die meisten lesen wir zum zweiten Mal und schämen uns dabei, daß wir sie überhaupt einmal gelesen haben, mit Hunderten von Schriftstellern geht es uns so, nicht mit Kafka, und nicht mit den großen Russen Dostojewski, Tolstoi, Turgenjew, Lermontow, nicht mit Proust, mit Flaubert, Sartre, welche ich zu den allergrößten zähle.

Thomas Bernhard: Auslöschung.

2 Antworten auf Über das zweite Lesen

  • Jatman sagt:

    Oh ja. In Sachen Dostojewski kann ich Ihnen da nur Recht geben. Spätestens wenn man sich in seiner Biographie etwas auskennt, kann man jedes seiner Werke ein zweites Mal lesen. Das Gleiche liest man dann mit Sicherheit nicht. Dies gilt unter anderem deswegen, weil es unzählige konkrete Bezüge zu seinem Leben und seiner Sich darauf beinhaltet.
    Wer sich seiner Biographie vielleicht auf schlichte aber umfangreiche Weise nähern möchte, für den lohnt sich hier sicherlich mehr al ein Klick: http://dostojewski.npage.de/
    In Sachen Kafka hat mich „Der Prozess“ absolut begeistert; so wie mich seine „Verwandlungen“ überhaupt nicht angesprochen haben.

  • KT sagt:

    Ich wollte lediglich darauf aufmerksam machen, dass die oben angeführte Dostojewski-Page zum Ande 2012 aus dem Netz genommen wird. Die Folgeseite ist bereits zu besuchen:
    http://www.dostojewski.eu
    Schauen Sie doch einmal vorbei :-)

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„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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