Joseph Roth

Zipper und sein Vater. (Werkausgabe, KiWi verlinkt)

Ich lese derzeit alle Romane Joseph Roths in chronologischer Reihenfolge. Zipper und sein Vater (1928) zählt nicht zu seinen bekanntesten Büchern. Angesiedelt im kleinbürgerlichen Wien entfaltet sich die Handlung rund um die beiden Zippers. Zipper senior ist ein geschäftsuntüchtiger Prahlhans, der seine kommerziellen Misserfolge durch „Networking“ auszugleichen versucht. Zu Beginn ein Hasser der Monarchie mit durchaus „vernünftigen“ Ansichten, entwickelt er sich nach Beginn des 1. Weltkriegs zu einem hysterisch-patriotischen Idioten. Sein pädagogisches Talent scheitert an seinem Sohn Cäsar kläglich, der sich erst zu einem Tunichtgut klassischen Formats entwickelt und nach einer Beinamputation während des Kriegs schließlich in der Psychiatrie endet.

Arnold, Zipper junior, wird ebenfalls nicht das Genie zu dem ihn sein Vater gerne erzogen hätte. Nachdem seine Karriere als Geiger und Jurist scheitern, heiratet er schließlich eine Schauspielerin, die Karriere in der Filmindustrie macht. Arnold arbeitet als Redakteur für eine Filmzeitschrift. Roth schildert fulminant die Eitelkeiten und Korruption des frühen Filmwesens.

Die Stärken des Romans liegen, wie so oft bei Roth, in der sprachlich fulminanten Schilderung des Milieus und seiner Figuren. Roth kann ironisch und sogar sarkastisch schildern, ohne in inhumanen Voyeurismus abzugleiten. Viele Sätze sind so treffend, das man gerne seitenlang aus den Buch zitieren möchte. Die Konstruktion des Romans ist, diplomatisch formuliert, schlampig. Zwar funktioniert die Erzählsituation psychologisch gut, die Geschichte wird von einem Freund Arnolds aus der Ich-Perspektive erzählt. Aber das Zusammenhalten der unterschiedlichen Handlungsstränge und das Ende ist strukturell vergleichsweise holprig. Trotzdem mit Vergnügen gelesen.

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"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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