Allgemeinbildung 2020…

…oder was muss man wirklich wissen?

Bei der vierten Veranstaltung von twenty.twenty geht es um die Frage der Allgemeinbildung im Jahr 2020. Die Veranstalter wüssten gerne: „Was wird im Jahr 2020 unter Allgemeinbildung verstanden und wie kann diese vermittelt werden?”

Natürlich kann man sich dem Bildungsthema deskriptiv widmen und versuchen zu beschreiben, wie sich die gesellschaftliche Auffassung von (Allgemein)bildung in den nächsten zehn Jahren entwickeln wird. Was heutzutage darunter verstanden wird, ließe sich vergleichsweise einfach mit den Mitteln der sozialwissenschaftlichen Forschung erheben. Mir selbst sind keine derartigen Studien bekannt, aber ich vermute, das Ergebnis würde sich irgendwo zwischen für das Berufsleben notwendigen Fähigkeiten und Fragen der Millionenshow einpendeln. Bildungsideale werden überwiegend von Institutionen, aber auch von den Medien vorgegeben. Deshalb finde ich die präskriptive Seite des Themas wesentlich wichtiger: Wie soll der Begriff Allgemeinbildung aussehen? Welches Wissen soll an den Schulen und Universitäten vermittelt werden?

Beginnen möchte ich mit Allgemeinplätzen: Das Erlernen des Handwerkzeug des Denkens hat höchste Priorität. An erster Stelle steht das inhaltserfassende Lesen. Eine Selbstverständlichkeit, könnte man einwenden, aber im Licht der jüngsten Pisa-Studien und des zunehmenden sekundären Analphabetismus, muss es explizit erwähnt werden. Wo und wie man sich zuverlässige Informationen besorgt, wäre dann der nächste Schritt. An zweiter Stelle steht die Fähigkeit zur Kritik. Dazu braucht es einerseits den Mut zur Kritik, also ein gesellschaftliches Klima speziell in Bildungseinrichtungen, die Kritik nicht nur zulassen, sondern explizit ermuntern. Andererseits sind zumindest Basiskenntnisse über kritische Methoden notwendig (z.B. Logik), also der Besitz eines Werkzeugkastens mit dem man Unsinniges schnell erkennen kann. Beim Befüllen des Kastens, sollten spezielle Werkzeuge für die neuen Medien nicht fehlen, aber ist die Kritikfähigkeit einmal geschult, ist diese universell anwendbar. Für Fortgeschrittene ist ein grundlegendes Verständnis unverzichtbar, wie Wissenschaften funktionieren. Das gilt für die Gegenwart, für 2020 und auch in einigen hundert Jahren noch.

Nun wäre es naiv, zu glauben, diese Denkmethoden funktionierten unabhängig vom Inhalt. Damit komme ich zum Wissen. Ein grundlegender Einblick, wie die Welt funktioniert, ist selbstverständlich eine notwendige Voraussetzung. Das fängt bei einem kosmologischen Grundverständnis an und hört bei der Evolution noch lange nicht auf. Wer weiß, wie Wissenschaft zu ihren Erkenntnissen kommt, wird sie als kritikfähige Theorien ansehen, die allerdings auf den bisher besten Erkenntnismethoden beruhen. Inhaltlich sollte man so viel wissen, dass man offensichtlich Unsinniges schnell erkennen kann, etwa dass die Habsburger nicht die Pyramiden bauten oder Goethe nicht zu den berühmten Malern der Renaissance zählt.

Was soll man alles wissen? Was zählt inhaltlich zur Allgemeinbildung? Ich plädiere für ein abstraktes Überblickswissen. Idealerweise wäre jeder auf abstrakter Ebene mit den Kenntnissen ausgestattet, die für eine Einordnung von Fakten unverzichtbar ist. Faktenwissen im engeren Sinn wäre weitgehend überflüssig, wenn man die wichtigsten historischen und wissenschaftlichen Zusammenhänge verstanden hat. Angesichts der explosiven Vermehrung des Faktenwissens seit dem 18. Jahrhundert, ist dieser Bereich für den Einzelnen ohnehin unbeherrschbar.

Kritisches Denken und abstraktes Überblickswissen sind natürlich kein Selbstzweck, sondern eine notwendige Voraussetzung nicht nur für das Funktionieren und das Beibehalten einer demokratischen Gesellschaft, sondern auch für zivilisatorischen Fortschritt. Je weniger von beidem vorhanden ist, desto größer die Möglichkeiten der Manipulation. Es ist kein Zufall, dass totalitäre Staaten und Fanatiker genau an dieser Stelle ansetzen. Die Ablehnung der Mädchenerziehung durch die Taliban wäre ein Beispiel unter vielen.

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„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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