Sarah Bakewell: Montaigne

Es gibt eine Reihe von Autoren, die für mich unverzichtbar sind. Montaigne ist – neben Shakespeare, Goethe, Doderer, Musil, um ein paar zu nennen – einer davon. Es gibt nur wenig nicht-fachwissenschaftliche Publikationen über Montaigne, weshalb ich mit großem Interesse zu Bakewell’s neuer Biographie griff. Es gilt hier gleich eine erste Einschränkung zu machen: Es ist keine Biographie im klassischen Sinn des Genres, sondern mehr eine Einführung in Leben und Werk des Autors. Selbstverständlich behandelt Bakewell alle Lebensstationen Montaignes, sein soziales Umfeld und den historisch-kulturellen Kontext. Zusätzlich gibt sie aber auch eine kleine Rezeptionsgeschichte der Essais.

Der Titel How to Live verrät die Gliederung des Buchs. Bakewell versucht die wichtigsten „lebensphilosophischen“ Positionen Montaignes als roten Faden zu nehmen. Das führt dann zu Kapitelüberschriften wie Question everything, See the World oder Keep a privat room behind the shop. Meine Befürchtung war, dass dieses Konzept Montaigne im Sinne der in den USA so beliebten Self-Help-Bücher verunstaltet. Das ist aber nicht der Fall. Man könnte Bakewell allerdings vorwerfen, dass sie ihrer Einführung damit ein eigentlich überflüssiges Konzept überstülpt.

Für alle, die Montaigne noch nicht lasen, hier der Link zu meinen gesammelten Essais-Notizen. Diese Essais sind eines der lesenswertesten Werke der Weltliteratur.

Um die Katze aus dem Sack zu lassen: Bakewell hat ein vorzügliches und dringend notwendiges Buch über Montaigne geschrieben. Endlich gibt es eine aktuelle, exzellent & engagiert geschriebene, völlig jargonfreie einführende Monographie zu einem der wichtigsten Klassiker der Weltliteratur. Aufgrund der überschaubaren 400 Seiten kann Bakewell natürlich nur bedingt ins Detail gehen. Aber sie schafft es trotzdem, alle wichtigen Fragen anzusprechen, bis hin zum Dauerstreit über die korrekte Edition seines Hauptwerks. Eine eindeutige Empfehlung für alle Freunde Montaignes und diejenigen, welche es noch werden wollen.

Sarah Bakewell: How to Live. A Life of Montaigne (Chatto & Windus) [Paperback-Ausgabe]

[17.6. 2012] Der C.H. Beck Verlag bringt im August erfreulicherweise eine Übersetzung des Buches unter dem Titel Wie soll ich leben?: oder Das Leben Montaignes in einer Frage und zwanzig Antworten.

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„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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