Indien: Rajasthan (2)

Einer der Gründe, warum ich reise, ist zu sehen, was die Religion aus den Menschen macht. Der Hinduismus liefert dazu reichlich Anschauungsmaterial. Die indische Gesellschaft ist stark religiös geprägt. Fährt man durchs Land, sieht man schnell, dass noch keinen Säkularisierung stattfand. Die Tempel sind gut besucht, und fast überall treibt man Schulklassen hinein. An einem Werktagmorgen in Pushkar war der heilige See samt heiligen Stufen aber vereinsamt. Nur eine Handvoll Inder führte das Baderitual aus.

Das Kastensystem ist im Alltag noch fest verwurzelt. Brahmanen als Angehörige der höchsten Kaste kennzeichnen sich mit einem roten Punkt auf der Stirn. Dienstleistungen sind fest in den Händen der unteren Kasten, und ein Zyniker würde sagen, dass die Qualität der Handreichungen sehr davon profitiert, wenn sich die Dienstleister genuin für minderwertige Menschen halten. Noch nie bereiste ich ein Land, wo einer der wichtigsten Werte der europäischen Aufklärung, das Gleichheitsprinzip, so selbstverständlich ignoriert wird. Einer unserer Reiseleiter, Brahmane und Akademiker, erklärte erfrischend offen, dass es völlig undenkbar wäre, dass seine Kinder in eine niedrigere Kaste einheirateten. Partneranzeigen in den vielen indischen Zeitungen sind nach Kasten sortiert, wo übrigens anscheinend nur hübsche Männer inserieren, fehlt „handsome“ doch in kaum einer Selbstbeschreibung. Arrangierte Ehen sind an der Tagesordnung.

Ergänzend muss man anmerken, dass der indische Staat, mit zahlreichen Gesetzen versucht, das Kastenwesen einzudämmen. Diversen Gesprächen nach scheint das im Erziehungswesen und im öffentlichen Dienst auch gut zu gelingen. Hier gibt es ein Quotensystem für die niedrigen Kasten. Es gibt also immer mehr Akademiker, die keine Brahmanen sind, was die Mittelschicht kastenmäßig verbreitert und das System langfristig hoffentlich schwächen wird.

Indien bewegt sich inzwischen sehr selbstbewusst auf der Weltbühne. 2010 gab sich in Delhi die politische Prominenz die Klinke in die Hand. Von den Sicherheitsvorkehrungen für Obama in Delhi konnte ich mir selbst ein Bild machen. Die indische Elite will zu den westlichen Ländern aufschließen. Deshalb gibt es eine Menge ambitionierter Regierungsprojekte, zu denen auch ein großes Raumfahrtsprogramm gehört, das Milliarden Dollar verschlingt. Ich erwähne das, weil es so gar nicht zu dem Elend passen will, das man im ganzen Land sieht. Offizielle Stellen reden das gerne schön, und auf den Schildern der „Tourist Assistance Force“ liest man von „antisocial elements“, die man „at bay“ halten will.

Fakt ist, das alleine in Rajasthan hundertausende Menschen buchstäblich im Dreck leben. Die Slumsiedlungen sind oft unmittelbar am Straßenrand, so dass man den Menschen fast durch ihre Hütten (oft auch nur Gerüste mit Plastikplanen) fährt, wenn man sich im Land bewegt. Viele schlafen auch unter freiem Himmel auf der Straße. Die große Mehrheit der Armen sind Analphabeten. Als Tourist ist man schnell von Bettlern umringt. Art und Grad der Verkrüppelungen und Krankheiten sind ekelerregend vielfältig, die man zum Zwecke des Almosenerheischens vorgeführt bekommt.

Nach Überwindung des ersten Schocks, fallen zwei Dinge auf: Einerseits sind selbst die Ärmsten Fremden gegenüber freundlich und aufgeschlossen, auch in Gegenden, wo das kaum finanzielle Vorteile bringt. Andererseits gibt es kaum Kriminalität. In Brasilien würde kein Tourist auf die Idee kommen, sich ohne Not oder Begleitschutz in die Favelas zu begeben, in Indien ist das vergleichsweise gefahrlos möglich.

Hier schließt sich der Kreis zur Religion und zum Kastensystem. Seit meiner Indienreise bin ich davon überzeugt, dass es kein stärkeres Mittel als die Religion gibt, wenn man gesellschaftliche Ungleichheit und ein ungerechtes Gesellschaftssystem dauerhaft zementieren will. Natürlich ist das auch eine „Stärke“ der anderen Weltreligionen, die zumindest einer privilegierten Priester- und Mönchskaste ein angenehmes Leben bescheren, und nebenbei die Herrschenden legitimieren. Der Hinduismus hat diese Mechanismen aber zu einer perfiden Perfektion entwickelt.

Erster Teil.

2 Antworten auf Indien: Rajasthan (2)

  • Markus schmidt sagt:

    Hallo,
    Interessanter Beitrag! Ich war selbst vor einigen Jahren in Indien und konnte mir mit Hilfe eines indischen Bekannten ein gutes Bild machen.
    Indien ist sicher eines der faszinierendsten Länder.
    Beste Grüße,
    Markus

  • Indira Gandhi, die Ministerpräsidenin Indiens, wurde von zwei Leibwächtern erschossen. Indien ist ein religiöses Land. Die Kühle sind heilig, nur auf Ministerpräsidenten darf man schießen. (Sandor Marai: Tagebücher 1984-1989, S. 48)

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"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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