Indien: Rajasthan (1)

Wer nach Indien reist, hat nicht nur chemische Waffen gegen Moskitos, sondern auch eine Menge Klischees im Koffer. Wie mit Italien im 18. Jahrhundert verbinden viele Menschen heute Erlösungsfantasien mit dem Land. Die Spiritualität der Inder wird mit dem Materialismus des Westens kontrastiert und man sieht viele junge „Aussteiger“ in den Städten, die scheinbar glücklich am Straßenrand ihre Joints rauchen. Einer meiner ersten Eindrücke in Delhi waren dagegen die riesigen, hochmodernen Bürobauten, in denen zehntausende Inder offenbar lieber den Elektronikproblemen der Amerikaner in Call Centern zuhören, als auf ihren Guru zu lauschen. Ich landete nach Mitternacht auf dem nur wenige Monate alten Flughafen in Delhi. Zumindest der Flughafen scheint also rechtzeitig zu den dilettantisch organisierten Commonwealth Games fertig geworden zu sein. Die Fahrt zum Hotel sorgt bereits für den ersten „indischen“ Eindruck. Wir stehen am Sonntag morgen gegen 2:30 im Stau zwischen Kühen und Lastwagen. Nicht auszudenken, was hier in der Hauptverkehrszeit los sein muss.

Nach meiner China- und Zentralasien-Reise fühlte ich mich ausreichend vorbereitet für Indien. Freilich bereiste ich in gut zwei Wochen nur einen kleinen und mit 80 Millionen vergleichsweise dünn besiedelten Teil des Landes: Rajasthan. „Dünn besiedelt“ in einem Land mit 1,1 Milliarden Einwohnern heißt allerdings: Überall sind Menschen. Selbst bei Zwischenstopps mitten in der Wüste Thar dauert es nur wenige Minuten, bis die ersten Kinder aufkreuzen.

Rajasthan ist kulturell wohl die ergiebigste Region in Indien, schließt es doch auch das von Touristen so gern besuchte Goldene Dreieck mit ein. Die touristische Infrastruktur ist entsprechend gut ausgebaut. Nichts funktioniert im Land allerdings besser als die Mobilfunknetze. Strom und (warmes) Wasser ist nirgends garantiert. Eine Datenverbindung mit meinem BlackBerry hatte ich aber immer. Überhaupt rennen auch in Indien viele der Ärmsten mit einem Handy herum.

An Sehenswürdigkeiten gibt es vor allem drei Kategorien: Havelis, Burgen und Tempel. Havelis sind reich verzierte Kaufmannshäuser aus dem 19. Jahrhundert. Die Fassaden sind Meisterwerke der Handwerkskunst. Auffallend auch die mit großem Detailreichtum bemalten Wände und Decken. Die indische Malerei ist allerdings für den in Europa sozialisierten Museumsgeher gewöhnungsbedürftig. Als die europäische Malerei bereits durch fotorealistische Bilder in der Biedermeierzeit glänzte, malte man in Indien immer noch perspektivlos wie im europäischen Mittelalter. Das ist vor allem deshalb bemerkenswert, weil auf fast allen anderen Gebieten, wie beispielsweise der Architektur oder der Technik, sehr viel von den Engländern übernommen worden ist. Warum die Malerei diesen Einflüssen gegenüber so resitent blieb, erklärt sich vermutlich durch die stark kanonifizierte Ästhetik der lokalen Malschulen.

Die Hauptattraktionen sind die Festungen der Rajputenfürsten: Riesige Anlagen mit unzähligen Innenhöfen, hohen Festungsmauern und oft meist sehr malerisch gelegen wie Udaipur direkt am See oder Jaisalmer mitten in der Wüste. Die idealen Projektionsflächen für „orientalische Romantik,“ die wohl die meisten Touristen in diese Weltgegend zieht. Ein noch größerer Touristenmagnet ist selbstverständlich das Taj Mahal. Skeptisch betrat ich das Gelände. Man hält sich als Vielreisender ja für viel zu abgeklärt, um diesen Touristenfallen auf den Leim zu gehen. Als ich dann vor dem Mausoleum stand, war die Verblüffung groß. Proportionen, Struktur, Verzierungen, Farben: Alles verschmilzt zu symmetrischer Perfektion. Ohne Zweifel das bisher schönste besichtigte Bauwerk und alleine eine Indienreise wert.

Die Tempel in Rajasthan sind Meisterwerke der Steinmetzkunst. Der berühmte Ranakpur Tempel mit seinen Dutzenden Marmorsäulen und Skulpturen ist der beste Beleg dafür. Ebenfalls der ideale Ort, um sich mit der Jainikonographie vertraut zu machen. Genauso spannend ist es freilich, den Hinduismus und seine Auswirkungen in der Gegenwart zu beobachten.

Nächster Teil.

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„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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