James Joyce: Ulysses [2.]

Viele Literaturkenner halten den Ulysses für einen der besten Romane der Weltliteratur. Viele ambitionierte Leser haben aufgrund der vermeintlichen oder tatsächlichen „Schwierigkeit“ einen großen Respekt vor dem Buch. Immer wieder höre ich, man hätte die Lektüre mehrmals versucht – und abgebrochen. Tatsächlich setzt ein Verständnis des Ulysses eine beachtliche intellektuelle Anstrengung voraus. Vergleichbar vielleicht mit dem Bereisen eines fremden Landes. Man muss sich einerseits gut vorbereiten, damit man seine Reiseerlebnisse richtig einordnen kann. Andererseits kommt man ohne Offenheit und Mut zum Fremden nicht weiter.

Joyce schrieb 1914-1921 an dem Roman, beschäftigte sich aber bereits vorher mit Geschichten und Motiven, die in das Buch Eingang fanden. Die Publikation war aufgrund der „rücksichtslosen“ Darstellung (auch der erotischen Eskapaden) seiner Figuren schwierig. In Irland war der Roman von der Zensur lange verboten. Ich las den Roman zum zweiten Mal und ließ mir einige Monate Zeit dazu.

Was den Ulysses zu keiner einfachen, aber desto anregenderen Lektüre macht, ist Joyce erzählerischer Formenreichtum. Jedes der achtzehn Kapitel hat seine eigene Sprache. Üblicherweise versteht man nach den ersten 30 bis 50 Seiten die Machart eines Romans: Man durchschaut die Form, den Stil, die Erzählperspektive. Man hat sich „eingelesen“. Anders hier: Jedes Kapitel verlangt diese Anstrengung aufs Neue, und ich vermute, das ist einer der Hauptgründe, warum viele die Lektüre abbrechen. Das Werk ist eine literarische Dauerirritation. Das ist schade, liefert Joyce doch einen enzyklopädischen Einblick in die Leistungsfähigkeit der Literatur. Im Ulysses findet man so gut wie jede denkbare Erzählperspektive, vom allwissenden auktorialen Erzähler über den unzuverlässigen personalen Erzähler bis hin zu Passagen aus der Ich-Perspektive. Innere Monologe, stream of consciousness und Dialoge in Dramenform wären weitere Beispiele. Stilistisch spielt Joyce ebenfalls mit allen Möglichkeiten. Kaum eine Textart, die er nicht benutzt, viele davon parodistisch. Journalistenprosa, Juristenfachjargon, Bibelsprache, Werbesprache, okkultes Raunen, Fachsprachen, Slang in allen Formen usw.

Als Einstieg kann man sich durchaus einzelne Kapitel vornehmen, das schüchtert weniger ein als der Vorsatz, alles in einem Zug zu lesen.

Nun drängt sich die Frage auf: Wie kann diese Fülle der formalen Mittel in einem Einzelwerk funktionieren? Meine Antwort darauf wäre: Die hohe struktuelle und semantische Dichte hält den Roman zusammen. Damit meine ich die unglaubliche Fülle an symbolischen Bezügen, welche den Roman auf mehreren Ebenen zusammenhalten. Ein Strukturalist würde hier von einer Vielzahl von Isotopien sprechen. Eine Analogie zur Musik: Der Ulysses ist (was die Dichte angeht) etwas Ähnliches wie Wagners Ring der Nibelungen für die Musik. Ein Riesenwerk, das Genregrenzen sprengt, und eine völlig eigenständige Ästhetik entwickelt, damit es als Werk funktionieren kann. Man sagte Joyce nach, dass er ein ungewöhnliches gutes Gedächtnis hatte. Ein solches ist auch bei der Lektüre des Romans hilfreich, um auch nur in Ansätzen diesen Bezügen folgen zu können.

Umstritten in der Forschung ist, wie wichtig die Folie der Odyssee ist, die dem Ulysses einen zusätzlichen Rahmen gibt. Literaturtheoretisch ist das eine sehr spannende Frage, denn diese Folie wird quasi von außen über den Roman gestülpt. Im Roman selbst wird das Werk Homers kaum thematisiert. Die Figuren sind sich dieser Parallelen also nicht bewusst. Joyce steuert damit aber die Erwartungshaltung seiner Leser und man zieht zusätzlichen Gewinn aus der Lektüre, wenn man die Irrfahrten des Odysseus im Hinterkopf hat.

Dicht ist der Text auch, was die Themenvielfalt betrifft. Jedes Kapitel hat mindestens ein Thema, das aus verschiedenen Perspektiven bearbeitet wird: Geschichte, Medizin, Politik, Literatur und Musik sind nur einige davon. Kurz: Ulysses ist ein enzyklopädisches Werk. Joyce versucht die Komplexität der Realität in ästhetische Komplexität zu übersetzen – und das gelingt ihm kongenial. So ist es auch kein Zufall, dass Shakespeare im Roman eine wichtige Rolle spielt. Joyce hatte durchaus den Anspruch, es Shakespeare gleich zu tun, und die Welt literarisch neu zu erschaffen.

Sein Blick auf die Figuren ist ein analytischer, wenn nicht zynischer. Joyce schickt seinen Leopold Bloom und die anderen Figuren am 16. Juni 1904 wie Versuchstiere durch Dublin und registriert schonungslos jede ihrer Regungen. Die Abgründe, in die er seine Figuren und damit seine Leser führt, zeigen einen schonungslosen und kritischen Blick auf seine Artgenossen. Das macht Joyce auch zu einem der großen Aufklärer der Weltliteratur.

Ich las den Roman abwechselnd in der kommentierten Ausgabe der Wollschläger-Übersetzung und im Original. Die kommentierte Ausgabe läßt einen zwiespältigen Eindruck zurück. Das hat nichts mit der guten Qualität des Kommentars zu tun, der immer wieder sehr nützlich ist, sondern mit dem Leseerlebnis: Ist der Romantext vom Kommentar buchstäblich eingekreist, lenkt das sehr von der eigentlichen Lektüre ab. Meine Empfehlung wäre, sich die Übersetzung auch unkommentiert zu kaufen (wer nicht ohnehin im Original liest) und diese als Leseausgabe zu verwenden. Die kommentierte Ausgabe zusätzlich zum Nachschlagen.

James Joyce: Ulysses. Kommentierte Ausgabe (Suhrkamp Verlag) [2.]

2 Antworten auf James Joyce: Ulysses [2.]

  • creamhilled sagt:

    Diese Notiz gibt sehr gut meine eigene Erfahrung mit der kommentierten Ausgabe wieder. Allerdings hat mich der „einkreisende“ Kommentar nur anfangs etwas behindert oder manchmal abgelenkt, später, als ich gelernt hatte, damit „richtig“ umzugehen, fand ich ihn doch sehr hilfreich.

    Sieben Monate hab ich gebraucht, und das Vergnügen überwog die Anstrengung bei weitem.

    Nun habe ich allerdings den Eindruck, eher ein Werk Wollschlägers gelesen zu haben als Joyce himself, darum fasse ich auch die Originallektüre ins Auge. Solange die Übersetzung noch einigermaßen frisch im Kopf ist…

  • myko sagt:

    Ich habe den Ulysses vor dem Studium „naiv“ (und unkommentiert) in der Wollschläger-Übersetzung gelesen und war danach monatelang wehmütig, womöglich nie wieder so ein Buch in die Finger zu kriegen. Die Leser, die sich mit diesem Riesentext plagen und sich für gescheitert erklären, sind oft weniger gescheitert, als sie denken. Der Ulysses ist ein Garten, man muss nicht an jedem Beet vorbeigewandert sein, um seine Schönheit aufzunehmen. ;-)

    Das Original ist übrigens als E-Text gemeinfrei in diversen Formaten online zu finden!

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(5. Januar 2013)

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