San Francisco

September 2010

Die BlackBerry Developer Conference führte mich in die Stadt. Dank des Wochenendes vorher und einem Konferenzort mitten in der Stadt, blieb genügend Zeit, sich in der Stadt herumzutreiben. San Francisco hat einen sehr europäischen Flair. Die Menschen sind entspannt und tolerant. Von allen europäischen Städten, die ich kenne, mußte ich oft an Amsterdam denken. Das mag auch an den Haschschwaden gelegen haben, die einem allen Orts entgegen wehen. Vielleicht könnte die Besteuerung des Krauts tatsächlich die Budgetprobleme Kaliforniens lindern helfen.

Freilich leider ohne das niederländische Sozialsystem. So sieht man jede Menge Obdachlose auf der Straße. Schwerpunkt ältere schwarze Männer, aber ansonsten ist demographisch alles vertreten. Einige sehr alte Menschen waren besonders auffallend. Der Enthusiasmus der Amerikaner betreffend ihrer Grandmas und Grandpas scheint sich nicht auf die Armen zu erstrecken. Auffallend auch hohe die Zahl an psychisch Kranken unter ihnen.

Ignoriert man das – und man ignoriert es schnell – bekommt man ein Stadterlebnis der Extraklasse geboten. Ich bin kreuz und quer durch San Francisco gelaufen, halte ich doch das „Erwandern“ einer Stadt für die beste Möglichkeit, sich der Atmosphäre eines Ortes anzunähern. Man durchkreuzt jede Menge urbaner Mikrokosmen. Heruntergekommene Stadtviertel, die sich auffälllig nah beim Finanzzentrum befinden; idyllische Wohnsiedlungen auf malerisch gelegenen Hügeln; pulsierndes Stadtleben mit eine Fülle an Lokalen und Geschäften; verkitschte und kommerzoptimierte Touristenfallen rund um Fisherman’s Wharf. Vielen Ecken bieten großartige Ausblicke auf den Bay und/oder Golden Gate oder Bay Bridge.

Kulturell braucht sich San Francisco vor europäischen Städten nicht verstecken. Zwar kann ich über das abendliche Kulturleben nichts berichten, aber das San Francisco Symphony Orchestra ist für sein gutes Niveau bekannt. Was Kunst angeht, findet sich dort jede Menge, mit Ausnahme alter Meister. Auch spektakuläre Architektur gibt es zur Genüge. Etwa die Gegenüberstellung von Renzo Pianos California Academy of Sciences (mit Ausnahme des Planetariums gibt es dort nur maue Dauerausstellungen) und dem von Herzog & de Meuron errichteten De Young Museum. Letzteres dient anscheinend als Platz für die üblichen Blockbuster-Ausstellungen (es war das Musée d’Orsay zu Gast), hat aber ebenfalls eine interessante Sammlung moderner amerikanischer Kunst. Höhepunkte des Museums sind die Räume zur afrikanischen und guinesischen Kunst – ein eindrückliches ästhetisches Erlebnis. Empfehlenswert ist auch der Besuch des Asian Art Museums. Eine große Sammlung vom alten Indien über Südostasien zu China und Japan. Wer sich für asiatische Kunst interessiert, findet hier einen Ausstellungsort auf Augenhöhe mit anderen berühmten Museen zum Thema.

Büchermenschen sind in San Francisco ebenfalls gut aufgehoben. Eine der besten Buchhandlungen der USA ist dort angesiedelt: City Lights. Sie ist nicht übermäßig groß, aber ich stand selten in einer besser sortierten Buchhandlung. Speziell was Weltliteratur, Lyrik und Gegenwartsliteratur angeht. Selbst Thomas Bernhard war in Übersetzungen großzügig präsent. Das trifft auch für die Public Library zu. Auffallend hier der Bestand an fremdsprachigen Büchern. So gab es viele Regalmeter an deutscher Literatur. Spanische Bücher waren naturgemäß noch mehr vertreten.

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„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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