Tony Judt

Ill Fares The Land (The Penguin Press)

Seit vielen Jahren schätze ich den Historiker Tony Judt als Publizisten, der mir vor allem durch seine Artikel in der New York Review of Books bekannt ist. Seit einiger Zeit leidet er an einer seltenen Nervenkrankheit, so dass man sein jüngstes Buch unfreiwillig auch als eine Art politisches Vermächtnis liest.

Judt beschreibt den verbesserungswürdigen Zustand des Gesellschaftssystem in den westlichen Staaten. Sein Fokus liegt auf den USA und sein Anliegen ist nicht zuletzt Ideologiekritik. So stellt er ausführlich da, dass viele neoliberale Auffassungen, die bis vor kurzem in den USA den Status von quasireligiösen Weisheiten beanspruchten, vor nur wenigen Jahrzehnten selbst für Konservative unvorstellbar gewesen wären. Er untermauert dies mit ausgewählten Statistiken, die belegen, dass im Gegensatz zu den Jahren nach den zweiten Weltkrieg viele ökonomische Faktoren für die breite Mehrheit der Bevölkerung rückgängig sind. Die Überzeugung früherer Generationen, dass es den Kindern einmal besser gehen werde, sei bereits seit einiger Zeit empirisch nicht mehr belegbar.

Ein zweiter Gedankenbogen des Buches ist eine Rehabilitierung des Staates in wirtschaftlichen Angelegenheiten. Am Beispiel der britischen Eisenbahnen oder der Londoner Tube führt Judt die Unwirtschaftlichkeit und Asozialität vieler dieser Projekte vor Augen. Er plädiert für einen Staat, der sich um ausgewählte Belange seiner Bürger kümmert, ohne sich unnötig in deren Leben einzumischen. Aus europäischer Perspektive liest sich das alles wenig aufregend, denn trotz diverser Privatisierungsdummheiten ist es das Modell des europäischen Sozialstaates, das Judt seinen Lesern in den USA elaboriert näher bringen will.

Besonders erhellend sind seine Analysen über die soziointellektuellen Hintergründe von Friedrich von Hayek und Konsorten. Ill Fares The Land ist vor allem deshalb eine interessante Lektüre, weil es das vage Unwohlsein, das viele mit der aktuellen politischen und wirtschaftlichen Situation empfinden, analysiert und in Worte fasst. Nennenswerte revolutionäre Einsichten findet man in dem Band nicht. Aber auch das ist eine gute Nachricht. Man könnte die Situation in vielen Ländern schon mit vergleichsweise kleinen Schritten verbessern. Eine Revolution wäre dazu gar nicht notwendig. Man müßte nur einige Konsequenzen ziehen, die bei einer nachdenklichen Betrachtung der Lage auf der Hand lägen.

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„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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