Daniel Kehlmann

Ruhm. Ein Roman in neun Geschichten (Rowohlt)

Die Vermessung der Welt machte Daniel Kehlmann zu einer Literaturberühmtheit. Mich hat der Roman damals enttäuscht, wie man hier nachlesen kann.

Es ist Kehlmann hoch anzurechnen, dass er seiner historischen Erfolgsformel nicht treu geblieben ist, und für sein neues Buch ein komplett anderes literarisches Konzept wählte: Er schrieb einen Episodenroman. Wer dabei an berühmte filmische Beispiele wie Short Cuts denkt, liegt mit dieser Analogie nicht falsch. Dem Autor ist ein Kunststück auf mehreren Ebenen gelungen. Die neun Geschichten spannen einen weiten Bogen über die Gegenwart. Neben den unvermeidlichen Verwicklungen des modernen Beziehungslebens in und außerhalb des Büro-Biotops, verschlägt es den Leser auch nach Lateinamerika, Zentralasien und Afrika. Das ist ein willkommener Kontrapunkt zur sonst in der deutschsprachigen Literatur so beliebten Nabelschau. Das populäre Identitätsthema wird aus Richtung der modernen Medien aufgerollt.

Die Episoden sind so unterhaltsam, dass sich die kunstvolle literarische Verknüpfung zwischen ihnen nicht als störende Virtuosität in den Vordergrund schiebt. Eine Balance, mit der sich viele Schriftsteller sonst schwer tun, zumal noch eine weitere Ebene dazu kommt, die der Metafiktionalität. Der Protagonist in einer der Geschichten, Autor Leo Richter, treibt quer durch den Roman ein raffiniertes Spiel. Romanfiguren fangen mit dem Erzähler über ihre Zukunft zu diskutieren an. Kehlmann betreibt diese nicht erst seit Calvino beliebten narrativen Kunststücke mit demselben ironischen Augenzwinkern mit dem er diverse Sprachstile einsetzt.

Diese ästhetische Überfrachtung hätte böse enden können. Es zeigt das Können des Literaten Kehlmann, dass der Roman trotzdem „funktioniert“. Die Frage, ob die Geschichten strukturell so eng miteinander verknüpft sind, dass man sie als „Roman“ bezeichnen kann, stellt sich bei der Lektüre mehrmals. Vom Ende her gesehen, kann man diese Frage aber getrost bejahen.

Meine Einwände gegen den Roman sind nicht ästhetischer Art, sondern richten sich gegen einige Ungenauigkeiten im Inhalt. Denn, wie es der Zufall will, war ich selbst ausführlich in Zentralasien unterwegs (Reisebericht) und arbeite bei einem Mobilfunkunternehmen. So wird einem in Zentralasien, einer trotz der sowjetischen Zeit sehr islamisch geprägten Region, nicht ständig Schweinsbraten mit Mayonnaise serviert. Die in dem Roman servierte Mobilfunktechnik wiederum steht auf ebenso wackeligen Beinen, wie die dort beschriebenen Tätigkeiten. Diese Beispiele ließen sich vermehren.

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„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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