Auf Stifters Spuren: Cesky Krumlow und Böhmerwald

(Ende März)

Lesen wird zwar nicht unberechtigt gerne als „Reisen im Kopf“ bezeichnet, trotzdem fahre ich gerne in „literarische“ Gegenden, um mir ein eigenes Bild zu machen. So fiel mir bei diversen Zweitlektüren von Stifters Erzählungen auf, dass ich eigentlich noch nie im Böhmerwald war, obwohl keine Weltreise von Wien entfernt.

Ausgangspunkt der Exkursion war Cesky Krumlow (Böhmisch Krumau), eine Kleinstadt mit 14.000 Einwohnern. Mit dem Auto unterwegs fährt man in Tschechien nach der Grenze durch eine Gegend mit dem Charme, wie ihn nur die Überreste des Realsozialismus ausstrahlen können. Von heruntergekommenen Wohnhäusern bis zu idyllisch verrosteten Fabrikhallen. Der Kontrast zum malerisch an einer Moldaubiegung gelegenen Cesky Krumlow könnte nicht größer sein. Die Bausubstanz wurde sorgfältig restauriert, ohne das es aussieht als hätte man es in Las Vegas neu nachgebaut.

Nun bin ich kein Freund von Kleinstädten, weil diese üblicherweise die Nachteile einer Großstadt mit den Nachteilen eines Dorfes kombinieren, ohne einen Mehrwert zu bieten. Desto positiver die Überraschung: Das Städtchen hat einen urbanen Flair, wie ich das in dieser kleinen Größenordnung bisher noch nie gesehen hatte. Es gibt ein reges kulturelles Leben dort. Das beginnt bei kleinen Galerien, die durchaus beachtliche Ausstellungen organisieren (Jan Saudek!), geht über die Dependance einer internationalen Prager Buchhandlung und hört beim Egon Schiele Art Zentrum noch längst nicht auf. Es gibt Bars, die offenbar von Großstädten inspiriert wurden, und auch viel Bobokompatibles wie ein vegetarisches Restaurant.

Auf Stifters Spuren war es noch eisig. Die Gewässer gefroren, die Bäume kahl, der Wind schneidend. Dieses meterologische Umfeld inspirierte offenbar Stifters furiose Schnee- und Eisschilderungen, so dass die eingefangene Erkältung durchaus literarischen Wert hatte. Aus unerfindlichen Gründen öffnen alle Museen und Gedenkstätten dort erst Anfang April, so dass wir Stifters Geburtshaus nur von außen besichtigen könnten. Einem Blick durch die Fenster nach zu schließen, war das aber kein großes Versäumnis.

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„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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