Shakespeare: Othello

Burgtheater 21.4.

Regie: Jan Bosse

Othello
Joachim Meyerhoff

Cassio, sein Leutnant
Markus Meyer

Jago, sein Fähnrich
Edgar Selge

Desdemona, Brabantios Tochter
Katharina Lorenz

Emilia, Jagos Frau
Caroline Peters

Für eine perfekte Theateraufführung müssen bekanntlich viele Elemente zusammenkommen: Ein plausibles, aussagekräftiges Regiekonzept; dessen handwerkliche Umsetzung (Bühnenbild, Schauspieler, Musik); die Leistungsfähigkeit der Schauspieler (und auch des Publikums!) allgemein und am jeweiligen Abend usw. Dutzende Faktoren beeinflussen die Qualität eines Theaterabends. So gesehen ist es schon aus probabilistischen Gründen beachtlich, dass doch immer wieder hervorragende Theatererlebnisse möglich sind.

Die neue Othello-Inszenierung des Jan Bosse ist leider ein gutes Negativbeispiel. Meyerhoff und Selge sind schauspielerisch ein exzellentes Team. Meyerhoff, ganzkörperschwarz geschminkt, gibt den Othello zu Beginn zurückhaltend bis desinteressiert und steigert sich bis zum Ende in den Eifersuchtsfuror hinein. Selge ist in seiner Unscheinbarkeit ein subtiler Jago, der seine giftigen Sätze mit einer Gelassenheit spricht, welche ihre Wirkung verstärkt. Katharina Lorenz als Desdemona bleibt mit ihrer eindimensionalen Interpretation weit hinter den beiden zurück. Eine sehr inhomogene schauspielerische Leistung also.

Das Bühnenbild ist ein pittoreskes Chaos mit Erde, Esstisch, Hängematte etc. und wirkte beliebig. Die Musik auf der Bühne ist meist seltsam („woman is the nigger of the world“). Die Figur des Othello war eindimensional angelegt. Die unterkühlte Interpretation zu Beginn nahm Shakespeare’s Psychodynamik (angesehener, kluger General entwickelt sich zum furiosen Eifersuchtstrottel) den Wind aus den Segeln. Der Versuch am Ende, Othello als schwarzem Dämon zu inszenieren, der nackt mit roten Augen und rotem Mund hinter einem Feuer seine Glieder verrenkt, ist nicht nur konzeptuell fragwürdig. Die Induktion des Dämonischen funktionierte auch nicht.

Eine lobende Erwähnung verdient die Übersetzung durch Bosse und die Burgtheater-Dramaturgie. Der schwierige Spagat zwischen aktuellen Sprachgebrauch und dem klassischen Sprachkunstwerk gelingt gut.

Auch wenn dieser Othello kein großer Wurf ist: Man sollte ihn sich trotzdem ansehen, und sei es nur um das Duo Meyerhoff / Selge in Aktion zu erleben.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

  • RSS Feed for Posts
  • RSS Feed for Comments
  • Twitter
  • XING
  • Facebook

Kategorien

„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

Aktuell in Arbeit

Tweets