Adalbert Stifter

Stifter hat bei vielen den Ruf ein fader Biedermeier-Schreibling zu sein. Langweilige und langwierige Beschreibungen werden ihm nachgesagt. Ich las schon lange nichts mehr von Stifter, hatte die gelesenen Bücher aber durchweg in sehr guter Erinnerung. Zeit also für eine Überprüfung dieses Eindrucks.

Inzwischen habe ich fünf Erzählungen und auch Die Mappe des Urgroßvaters (eigene Notiz geplant) noch einmal gelesen. Um es gleich zu sagen: Stifter schreibt erstklassige Literatur, mein Lesegedächtnis bewährte sich in diesem Fall. Er ist aber im Gegensatz zum oben beschriebenen Klischee nicht einfach zu lesen. Das Missverständnis vom Biedermeier-Idylliker kann nur entstehen, wenn man ihn oberflächlich liest. Am Verfänglichsten sind natürlich die Naturbeschreibungen. Stifter zählt hier in der deutschsprachigen Literatur zur Referenz. Es gibt wenige, welche Naturereignisse in allen ihren Schattierungen so genau und stimmungsvoll beschreiben können. Ich selbst bin ja kein großer Naturfreund, weiß diese Literaturkunst aber (deshalb?) sehr zu schätzen. Im Gegensatz zu schlechten Schreiberlingen verklärt Stifter die Natur nur selten und balanciert das Idyllische immer durch das Gegenteil aus. Ja, es gibt die idyllischen Wälder und Bergtäler, aber oft spielen sich dort menschliche Tragödien wie Selbstmorde ab. Ja, es gibt die wunderbaren Frühlingstage samt Frühlingsgefühlen, aber es gibt auch den Winter und Eislandschaften, wo die Welt buchstäblich zufriert.

Man muss Stifter genau lesen, damit einem diese Doppelbödigkeiten auffallen. In gewisser Hinsicht könnte man ihn als subtilen Vorläufer eines Thomas Bernhard verstehen. Sieht man sich bei Zeitgenossen um, wäre er eine subtilere Variante des Wilhelm Raabe. Raabe versteckt seine Abgründe hinter burlesken und komischen Figuren und Geschichten, er hält uns das Biedermeierliche quasi direkt unter die Nase und distanziert sich davon mit starken Mitteln. Stifter dagegen bettet seine menschlichen Dramen in oberflächlich wunderbare Landschaften ein, die oft Kulissen für Katastrophen sind.

Neben den Naturbeschreibungen, deren Treffsicherheit sich übrigens nicht nur auf Böhmen erstreckt, sondern in Abdias auch zu hervorragenden Wüstenschilderungen führt, sind es die Beschreibung menschlicher Schicksale, welche diese Erzählungen interessant machen. Oft leben die Menschen wie im Hagestolz in scheinbar romantischen Umständen, es stellt sich aber schnell heraus, dass sich in der Vergangenheit menschliche Dramen abspielten und man eigentlich das „falsche“ Leben lebt. Wie hier der fast noch jugendliche und als Waise aufgewachsene Viktor auf seinen alten, verbitterten und menschlichenfeinden Onkel trifft, ist nicht nur handwerklich großartig gemacht. Der Hagestolz lebt alleine mit zwei Bediensteten auf einer nur per Boot erreichbaren Insel auf einem entlegenen Bergsee und geht dort seinen skurillen Hobbys nach. Das ist ein misanthropischer Geistesmensch und ein so offensichtlicher Vorläufer einer Thomas-Bernhard-Figur, dass alleine diese Erzählung das Geschwätz vom Biedermeier-Idylliker hinreichend widerlegt.

Stifter: Erzählungen (Aufbau Bibliothek)
Der Kondor, Der Hochwald, Abdias, Brigitta, Der Hagestolz

Eine Antwort auf Adalbert Stifter

  • Werquer sagt:

    Da ich selbst nicht unweit des südlichen Böhmerwaldes aufgewachsen bin und die Gegend dort kenne, kann ich nur sagen, dass sowohl seine Naturbeschreibungen als auch seine Figuren keineswegs idealsierend sind sondern sehr präzise ein eigenartiges Biotop beschreiben, das ich aus eigener Anschauung als auch aus Erzählungen meiner Großeltern kenne.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

  • RSS Feed for Posts
  • RSS Feed for Comments
  • Twitter
  • XING
  • Facebook

Kategorien

„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

Aktuell in Arbeit

Tweets