Bernard-Marie Koltès: Quai West

Burgtheater 1.4.

Regie: Andrea Breth

Maurice Koch: Sven-Eric Bechtolf
Monique Pons: Andrea Clausen
Cecile: Elisabeth Orth
Rodolphe: Hans-Michael Rehberg
Claire: Merle Wasmuth
Charles: Philipp Hauß
Fak: Nicholas Ofczarek
Abad:Maynard Eziashi

Andrea Breth verdanke ich mit Martin Kusej die besten Theaterabende der letzten Jahre. Beide inzensieren modern, verstehen aber im Gegensatz zu vielen Kollegen die Stücke in ihrer literarischen Vielfältigkeit, was grandiose Inszensierungen ergibt. Quai West kannte ich noch nicht, was dem Abend eine besondere Spannung gab. Das Stück ist düster und diese Düsterkeit setzt Andrea Breth beeindruckend in Szene. Das Bühnenbild zeigte in Grau- und Schwarztönen eine heruntergekommene Hafengegend in einer Stadt. Wobei von Realismus keine Rede sein kann: Die Szene ist quasi abstrakt, was der apokalyptischen Wirkung aber nicht schadet. Wer Anregungen für urbane Slumalpträume benötigt, in diesem Quai West findet er sie. Herausragend die Lichtregie. Von Dunkelheit über fein abgestufte Düsterkeitsgrade zu blendender Helligkeit werden alle Möglichkeiten ausgespielt.

Die Handlung ist schnell erzählt. Ein wohlhabender Finanzbetrüger fährt in dieses trübe Hafenviertel, um seinem Leben ein Ende zu setzen, begleitet von einer ihm bekannten Dame. Die beiden treffen auf die heruntergekommenen Einheimischen dieses Elends, die in den Ankömmlingen eine willkommene Bereicherungsmöglichkeit sehen. Reich trifft Arm wäre also eines der grundlegenden strukturellen Motive des Stücks. Dass am unteren Ende der sozialen Skala auch Familienbande keinen Halt mehr bieten, ist ein weiteres wichtiges Element. Eingebettet in die beschriebene Atmosphäre nimmt dieser erstaunlich subtil durchgeführte Konflikt schnell eine endzeitliche Stimmung an. Man denkt an Beckett, allerdings statt Absurdem gibt es nur grotesk überhöhten Realismus.

Ich wüßte nicht, wie man das Stück hätte besser inszenieren können. Diese apokalyptische Stimmung über einen so langen Zeitraum zu erzeugen zeigt Breths Theaterkunst. Die Schauspieler sind durchgehend auf dem hohen Niveau der Regisseurin. Ein sehr beeindruckender Theaterabend.

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"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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