Michail Lermontow

Ein Held unserer Zeit (Suhrkamp)

Lermontow hätte wohl einer der großen russischen Klassiker werden können, wäre er nicht schon mit 26 Jahren bei einem Duell ums Leben gekommen. Sein berühmtestes Buch erschien ein Jahr vor seinem Tod 1840 und übte einen großen Einfluss auf die russische Literatur aus.

Es trägt in den modernen Editionen keinen Untertitel Roman. Angesichts der ebenso lockeren wie raffinierten Struktur des Buches eine plausible Entscheidung. Im Mittelpunkt steht der junge Offizier Pecorin, der im Kaukasus stationiert ist. Er eröffnet den Reigen „böser“ Romanfiguren in der russischen Literatur. Nicht nur verschuldet er den Tod mehrerer Personen, er treibt auch eine Art menschliche Sozialexperimente mit den Gefühlen seiner Mitmenschen. Das Motiv scheint existenzielle Langeweile zu sein. Naturgemäß waren Teile der Intellektuellenzirkel in Petersburg und Moskau empört, während andere Lermontow als Literaturstar feierten.

Verblüffend ist die Erzählperspektive (besser: -perspektiven). Pecorin wird von drei Erzählern beleuchtet. Zuerst erzählt der Stabshauptmann Maksim Maksimic dem fiktiven Herausgeber der Texte die Geschichte wie sich Pecorin in die sechszehnjährige Tochter eines tscherkessischen Fürsten verliebt, ihre Entführung organisiert, was schließlich im Tod des Mädchens und ihres Vaters endet. Dann tritt Pecorin selbst kurz auf und der Herausgeber beobachtet die herablassende Art wie er seinen ehemaligen Freund und Mentor Maksim behandelt. Der Hauptteil besteht aber aus Tagebuchaufzeichnungen Pecorins, die seinen komplexen Charakter natürlich am besten beleuchten und deren letzter Teil, das „Sozialexperiment“, die Hälfte des Buches einnimmt.

Eine ebenso erfreuliche wie literaturgeschichtlich interessante Lektüre.

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„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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