Nathaniel Hawthorne

Der scharlachrote Buchstabe (Aufbau Bibliothek; verlinkt auf Manesse)

Mit der Lektüre dieses Romans wollte ich eine Leselücke schließen, zählt er doch zu den bekanntesten amerikanischen Klassikern. 1850 erstmals erschienen, machte er Hawthorne damals weltweit bekannt. Er spielt im 17. Jahrhundert in Boston und zeigt anhand eines Seitensprungs die theokratische Gesellschaftsordnung in den frühen Kolonien. Diese Ebene des Buches sorgt für umfassende Aktualität, mischen sich doch auch heute noch gerne Menschen mit direktem Draht zu höheren Wesen in das Privatleben ihrer Mitmenschen ein. Kurz: Es weht ein Hauch von Taliban durch den Roman. Eine apartes „Detail“ sei nicht verschwiegen: Der Vater des unehelichen Kindes ist ein junger Priester, den die Gemeinde als Erlöser feiert.

Hawthorne schrieb einen kritischen Gesellschaftsroman kostümiert als historischen Roman. Zu seiner Zeit war diese Bigotterie ja ebensowenig ausgestorben als sie es heute in den Staaten ist. Die zweite wichtige inhaltliche Ebene ist der persönliche Rachefeldzug des Ehemanns. Er erschleicht sich als Arzt das Vertrauen des jungen Priesters und startet einen subtilen Psychokrieg.

Erwähnenswert ist die autobiographisch grundierte Einleitung in der Hawthorne ironisch und pointiert das Leben und das Umfeld eines Zollinspektors beschreibt samt deren negativen Einfluss auf die Literaturproduktion. Sie setzt auch die Rahmenhandlung, wird im dem Zollhaus doch das Manuskript gefunden, auf dem die Geschichte basiert.

Stilistisch handelt es sich beim Hauptteil um einen auktorialen Roman. Hawthorne beschreibt akribisch die psychischen Zustände der Protagonisten. Es ist schade, dass ihm noch nicht das Mittel der erlebten Rede zur Verfügung stand. So bleibt ihm nur die Vogelperspektive auf seine Figuren. Es fällt auch auf, dass diese Beschreibungen einen wesentlich breiteren Raum einnehmen als die Dialoge. Die Freude des Autors an Symbolik lässt sich bereits dem Titel des Romans entnehmen.

In Summe ein sehr lesenswerter Klassiker.

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„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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