Eugen Sue: Die Geheimnisse von Paris

Die Mystères des Paris war einer der größten europäischen Romanerfolge des 19. Jahrhunderts. Zuerst in Fortsetzungen im Journal des Débats 1842 und 1843 publiziert, danach in diversen Buchausgaben. Er löste in Frankreich heftige Debatten aus. Der Inhalt war nämlich auf mehreren Ebenen „skandalös“. Sue begab sich thematisch in für die französische Literatur völlig neue Gefilde: Ins Milieu der Verbrecher, Prostituierten und der Armen. Üble Spelunken, Bordelle, Dachstuben, Gefängnisse, Irrenhäuser etc. sind bevorzugte Orte der Handlung. Grausige Verbrechen werden geschildert: Von Kindesmisshandlungen über Raubmorde hin zu Wirtschaftsverbrechen der „Bessergestellten“. Die Milieuschilderungen sind denn auch die besten Passagen des Buches.

Der Held der 2000 Seiten ist die königliche Hoheit Rudolf aus einem deutschen Fürstentum, eine fragwürdige Mischung aus Robin Hood, Batman und Osama bin Laden. Er ist nicht nur unermesslich reich, sondern boxt auch den stärksten Bösewicht höchstselbst nieder. Er hilft den Armen und Verfolgten und bestraft die Bösewichter, ob reich oder arm. Versteht sich, dass unser deutscher Held hier fast ausschließlich zur Selbstjustiz greift.

Die Intention Sues ist, bei aller Fragwürdigkeit im Detail, durchaus löblich. Er prangert berechtigt die sozialen Zustände seines Landes an und die Unfähigkeit des Staates, darauf zu reagieren. Er reiht sich damit in die Reihe der französischen Intellektuellen von Voltaire bis Sartre ein, die littérature engagée produzieren.

Künstlerisch ist der Roman allerdings fulminant gescheitert. Die Handlung ist über weite Teile Kolportage. Die Figuren sind, bis auf einige Ausnahmen, klischeehaft und unglaubwürdig. Der strukturelle Zusammenhalt des Riesenwerks ist nicht gegeben. Zwar hat Sue die Handlung oberflächlich gut im Griff, speziell die Spannungsdramaturgie, aber es gibt keine darüber hinaus gehenden künstlerischen Klammern. Die vielen eingestreuten essayistischen Passagen mit seinen Weltverbesserungsvorschlägen schaden ästhetisch ungemein. Daran ist später selbst ein Tolstoi in Krieg und Frieden gescheitert. Erzählökonomie existiert nicht, so manches Kapitel wird unerträglich breit getreten.
Die intellektuelle Reflexion der Hauptthemen (Verbrechen, Schuld etc.) ist ebenfalls erbarmungswürdig. Selbst wenn man nicht als Referenz an andere Klassiker des letzten Jahrhunderts denkt (Dostojewskij!).

Wer also aus überwiegend literarischen Gründen liest, kann sich die Geheimnisse dieser Geheimnisse durchaus sparen. Aus literaturgeschichtlichen Gründen ist das Werk natürlich interessant. Eine Frage, die sich mir bei der Lektüre immer wieder aufdrängte, war: Warum scheitert Sue hier auf der ganzen Linie, während das bei Dickens trotz aller Ähnlichkeiten funktioniert, etwa im Oliver Twist? Dickens hält dem Leser keine Predigten und seine Figuren sind bei allen Gemeinsamkeiten „runder“. Das sind aber nur zwei Aspekte und sicher nicht hinreichend für eine Antwort.

Was Sue sympathisch macht: Er sieht dieses künsterlische Scheitern nicht nur, er spricht es sogar aus:

Wenn dieses Werk, das wir gern und ohne Bedenken in künstlerischer Hinsicht als ein schlechtes Buch gelten lassen können, das wir aber in moralischer Hinsicht durchaus für ein gutes Buch betrachten, wenn dieses Werk in seiner kurzlebigen Laufbahn den von uns beschriebenen und gewünschten Anklang findet, so würden wir uns geehrt fühlen. [VIII, 12]

Aus ästhetischer Sicht zählt der Roman sicher zu den schlechtesten von mir je gelesenen Klassikern. Eine sozialpädagogische Literaturkatastrophe. Stellenweise aber unterhaltsam zu lesen.

Eugen Sue: Die Geheimnisse von Paris 2 Bände (insel taschenbuch)

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„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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