Über Bücher und Insektenleichen

Anlässlich der Buchmesse beschreibt Hans Zippert in der FAZ sehr hübsch die Nöte mit seiner Bibliothek:

Eine oberflächliche Inspektion ergab, dass ich über etwa 31,3 Meter Bücher verfüge, die, aneinandergelegt, nicht ganz bis zum Mond reichen würden. Sie würden nicht mal bis Offenbach reichen, wo man allerdings auch keine Bücher liest. […]

Mein Regal sah ohne Bücher und Insektenleichen sehr gut aus, es hatte etwas Verheißungsvolles, in die Zukunft Weisendes. Statt mich darüber zu freuen, packte ich die Kisten aus und begann den Inhalt wieder einzusortieren. Dabei nahm ich jedes Buch in die Hand, schaute es mit sorgenvollem Blick an, hielt es aus dem Fenster, blätterte es auf und schüttelte es hektisch. Möglich, dass wichtige Buchstaben oder Sätze dabei herausgefallen oder ganze Handlungsstränge durcheinandergeraten sind. Trotzdem muss man so mit Büchern verfahren, wenn man nicht will, dass sie völlig verstauben und anfangen, muffig zu riechen. […]

Besonders unangenehm kann die Zweireihigkeit werden, wenn man Besuch von einem Schriftsteller bekommt. Ich erinnere mich noch heute, wie Robert Gernhardt zwischen Suppe und Hauptgang vor meiner Bibliothek stand. Natürlich nicht ganz plump vor dem Buchstaben „G“, das wäre auch für ihn peinlich gewesen. Er äußerte sich lobend über meinen umfangreichen Bestand an Büchern von Alexander Lernet-Holenia, der insgesamt 31 Werke umfasst. Aber er hatte natürlich die Goebbels-Bücher registriert und auch die Goldt-Titel und vergeblich seine eigenen Werke gesucht, die alle nach hinten verbannt waren, worauf ich ihn dann notgedrungen hinweisen musste. Darauf bemerkte er vielsagend: „Soso, in der zweiten Reihe . . .“, und da schwang bei aller Ironie auch ein Hauch von Kränkung mit. […]

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„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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