George Eliot

Middlemarch. Eine Studie des Provinzlebens. Manesse

Der Roman gilt gemeinhin als George Eliots gelungenster und ist ein Fixstarter im Kanon der englischen Klassiker. Bisher las ich von Eliot noch nichts und wollte diese Leselücke mit Middlemarch schließen. In der (wie meistens) erfreulichen Ausgabe des Manesse-Verlags hat das Buch knapp 1200 Seiten, weshalb es mich einige Zeit beschäftigte.

1871/72 erschienen, beschreibt der Roman detailreich das Leben einer englischen Provinzstadt im Umbruch um 1830. Der Untertitel A Study of Provincial Life zeigt, worauf es Eliot ankam: Einer quasi soziologischen Autoren-Perspektive. Im Zentrum des Geschehens stehen zwei Ehepaare, die von einer großen Menge an Nebenfiguren eingerahmt werden. Diese aus dem Leben gegriffenen fiktionalen Randexistenzen sind wohl die größte Leistung des Buches. Sie sind lebendiger als die Hauptfiguren von manchem Roman und eröffnen ein breites Spektrum: Von heruntergekommenen Halbkriminellen über bigotte Bankiers bis hin zu schnöseligen Landadligen.
Die religiöse Schwärmerin Dorothea Brooke heiratet den alternden Privatgelehrten Casaubon, der seit Jahrzehnten an einer megalomanen Studie arbeitet, welche die Mythologieforschung auf neue Grundlagen stellen soll. Im Laufe der Zeit stellt sich die intellektuelle Sterilität des Projekts heraus. Wie Eliot diesen gescheiterten Sonderling in Szene setzt, ist ebenfalls eine beachtliche literarische Leistung.
Das zweite Ehepaar bringt ebenfalls zwei völlig inkompatible Charaktere zusammen. Hier Rosmond Vichy, eine egomane und verwöhnte Tochter aus einem Industriellenhaushalt. Dort der fortschrittliche Arzt Tertius Lydgate, der sich wegen dieser Heirat in Schulden stürzt, um den materiellen Launen seiner Gattin genüge zu tun.

Die Handlung kommt nur sehr gemächlich in Gang und das ist per se nicht unsympathisch. Eliot vermeidet spannende Handlungselemente wie man das von Charles Dickens und dem viktorianischen Roman her kennt, und konzentriert sich auf die psychologische Beschreibung ihrer Figuren. Das führt dazu, dass die Erzählzeit sehr oft länger ist als die erzählte Zeit und sich schnell Ermüdungserscheinungen einstellen. Kurz: George Eliot ist ein Plappermaul. Sie beschreibt und beschreibt und beschreibt und beschreibt ihre Figuren mit einer auktorialen Arroganz, die selbst für das 19. Jahrhundert beachtlich ist. In Literaturgeschichten liest man dann, sie wäre die eigentliche Begründerin des psychologischen Romans, weil sie (nur) darauf ihren Fokus gelegt habe. Das ist sowohl sachlich falsch (Austen, Balzac, Stendhal…) als auch eine fragwürdige Bewertung. Flauberts Madame Bovary erschien fünfzehn Jahre vor Middlemarch und leitete eine neue Ära des Erzählens ein vor der Eliots Geschwätzigkeit sich höchst unvorteilhaft abhebt.

In Anbetracht der Tatsache, dass heute nur noch wenige Bücher dieses Umfangs gelesen werden, kann man von der Lektüre des Romans getrost abraten, auch wenn er literaturgeschichtlich nicht uninteressant ist. Man greift besser zu Dostojewksijs Die Brüder Karamasow oder Dickens Bleakhouse, um zwei exzellente Klassikerschmöker willkürlich herauszugreifen.

Eine Antwort auf George Eliot

  • Ramnicul sagt:

    Es ist ein völliger Unsinn STATT „Middlemarch“ hier Dostojewskji und Dicken anzuführen. Ich habe sowohl „Die Brüder Karamasov“, als auch „Bleak House“ gelesen und muss klarstellen, dass keines dieser Bücher etwas mit „Middlemarch“ gemeinsam hat.
    Dostojewskijs Roman ist eine psychologische Studie hauf höchstem Niveau und Dickens Werk eine überbordende großartige Erzählung.
    „Middlemarch“ ist zwar auch in weiten Teilen analytisch, beschreibt aber ebenso ausführlich die soziale Psychologie der englischen Provinzgesellschaft zu der handelnden Zeit kurz vor der Industrialisierung.
    Jedes dieser Werke besitzt ganz eigene Qualitäten und es wäre schlicht falsch zu behaupten, dass 2 dieser Bücher das 3. aufwiegen würden!

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„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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