Reise-Notizen: Usbekistan (1)

In Usbekistan liegen die Höhepunkte der Seidenstraße, für den Kulturreisenden ein ausreichender Grund, hier am meisten Zeit zu verbringen, und zwar acht Tage. Chiwa liegt nicht weit von der turkmenischen Grenze entfernt und hat die besterhaltene Altstadt des Landes. Schöne Ensembles mit Moscheen, Medresen und Mausoleen findet man auch in anderen Städten Usbekistans, in Chiwa aber fügen sich diese nahtlos in einen orientalischen Gesamteindruck ein. Die meisten historischen Bauwerke sind frisch renoviert, was bei den Touristen sicher mehr Entzücken auslöst als bei Archäologen. Trotz des schönen Ensemblecharakters wirkt die Altstadt etwas zu klinisch, so als hätte man eine Attraktion aus Tausendundeiner Nacht für Besucher nachgebaut. Die Vielzahl der Koranschulen geht auf konkurrierende Stiftungen zurück. Wie auch im Christentum lag den moslemischen Herrschern der Blütezeit der Gedanke nicht fern, sich durch Bestechung ins Paradies einkaufen zu können. Heutzutage denkt man bei „Koranschule“ an Erziehungsinstitutionen in Pakistan, in denen Schülern aus armen Verhältnissen die islamistische Ideologie eingeprügelt wird. Vor fünf Jahrhunderten zählten die Koranschulen jedoch zu den besten Universitäten der Welt, auch Naturwissenschaften wurden unterrichtet. Deshalb verwendet man in diesem Kontext wohl besser „Medrese“ als Begriff.
Chiwa hat eine beeindruckende Geschichte. Legenden über die Stadt gehen bis in biblische Zeiten zurück. Historisch belegt ist sie erstmals im 10. Jahrhundert. 1592 tritt Chiwa die Nachfolge von Kohne Urgentsch als Hauptstadt des Choresm Reiches an.
Während man in Turkmenistan keine fröhlichen Menschen auf der Straße sah und die Atmosphäre bedrückt wirkte, scheinen die Usbeken trotz der schwierigen Umstände mehr Freude am Leben zu haben. Die Angst vor staatlicher Repression ist offenbar deutlich geringer als im Polizeistaat nebenan. Die Infrastruktur ist ebenfalls fortschrittlicher als im Nachbarland. Wie schnell sie aber an ihre Grenzen stößt, zeigen wiederholte Stromausfälle nach Regenfällen. In Buchara habe ich aus diesem Grund zum ersten Mal in meinem Reiseleben ein Museum mit Taschenlampe besichtigt.

Nach Buchara fährt man von Chiwa gut 400km durch die Wüste Kiselkum auf – diplomatisch formuliert – suboptimalen Straßen. Der erste Eindruck von dieser berühmten Stadt der Seidenstraße passt zu den Bildern im Kopf. Die Bedeutung Bucharas hatte geographische Gründe, hier kreuzte sich die nördliche und südliche Route der Karawanenstraße. Aber nicht nur der Handel blühte, es war auch die intellektuelle Hauptstadt seiner Zeit. Avicenna, Rudaki, Ferdausi und viele andere wählten sie zur Wirkungsstätte. Zahlreiche Handschriften werden immer noch dort aufbewahrt. Die Moschee Kalan und besonders das dazugehörige Minarett gehört zu den schönsten Bauwerken in Zentralasien. Die Proportionen des 50m hohen Turms und des Bauschmucks sind von atemberaubender Perfektion.
Lange Zeit pflegte man die von den Einwohnern wegen des hohen Unterhaltungswertes geschätzte Tradition, Straftäter und Ungläubige von diesem Minarett in den Tod zu stürzen. Ich wage die These, dass es sich hier um die ästhetisch gelungenste Hinrichtungsstätte der Weltgeschichte handelt. Wer sich über weitere historische Unappetitlichkeiten dieser Weltgegend bis weit ins 19. Jahrhundert hinein informieren will, der sei auf die einschlägigen Reiseberichte verwiesen, etwa Hermann Vámbérys „Mohammed in Asien. Verbotene Reise nach Buchara und Samarkand“. Wie viele andere einschlägige Titel ist dieses Buch leider nur noch antiquarisch erhältlich.
Das Mausoleum der Samaninden darf nicht unerwähnt bleiben, zählt es doch zu den berühmtesten Werken der islamischen Baukunst. Vermutlich um 900 errichtet, sieht es mit seiner Grundfläche von 10x10m und seiner Höhe von vierzehn Metern wie ein architektonisches Understatement aus. Die Eleganz der Ausführung und das hohe Niveau des Bauschmucks setzten aber für die folgenden Jahrhunderte oft nachgeahmte Maßstäbe.

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„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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