Der neue Wiener Ring (3): Siegfried

Wiener Staatsoper 19.5.

Inszenierung: Sven-Eric Bechtolf
Dirigent: Franz Welser-Möst
Siegfried: Stephen Gould
Brünnhilde: Nina Stemme
Der Wanderer: Juha Uusitalo
Mime: Herwig Pecoraro

Die Inszenierung dieses Ring ist nicht mehr zu retten, der dritte Teil ist ebenfalls eine große Enttäuschung. Man erwartet eine Vertiefung oder Abstrahierung oder Ironisierung und wird überwiegend mit Plattheiten abgespeist. Wenig originell auch, die theatertechnischen Herausforderungen alle durch Videoprojektionen zu lösen, dem einfachsten aller Wege. Der Zusammenhang der einzelnen Bühnenbilder bleibt meist ein Rätsel.

Siegfried ist meiner Ringerfahrung nach meist der „anstrengendste“ Abend, gönnt sich Wagner doch speziell im letzten Aufzug zu viel kompositorischen Auslauf. Wie sehr dieser Eindruck aber von der musikalischen und darstellerischen Qualität abhängt, zeigte diese Aufführung. Noch nie erlebte ich einen so spannenden Siegfried. Das ist vor allem das Verdienst eines fulminanten Stephen Gould als Siegfried, der die fünf Stunden mit beeindruckender Kondition durchhielt. Nina Stemme war als Brünhilde eine kongeniale Partnerin und das (oft „langwierige“) Finale geriet zu einer fesselnden musikalischen Angelegenheit. Uusitalo als Wotan brachte alle seine Vorzüge aus der Walküre wieder mit und auch Pecoraro gab einen hervorragenden Mime.

Welser-Mösts Wagner-Interpretation hat mich zu Beginn etwas irritiert, nach etwa zwölf Stunden kann man seinen Ansatz aber gut erkennen. Dieser ist höchst eigenständig, noch nie hörte ich Wagner so spielen. Zum Teil setzt er auf ein rasantes Tempo und eine große dynamische Spannweite. Er handhabt diesen Stil aber sehr flexibel, was der Interpretation eine große Spannkraft gibt. Weit entfernt von einer Routineaufführung hat sich Welser-Möst offenbar ausführlich mit der Partitur beschäftigt und wollte einen ästhetisch eigenen Weg gehen. Das ist risikant, intellektuell spannend und man freut sich deshalb bereits auf seine Zeit als Kodirektor der Staatsoper ab 2010.

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"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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