Tschingis Aitmatow

Dshamilja (Suhrkamp Taschenbuch)

In Kirigisistan ist man natürlich stolz auf den berühmtesten Landsmann, weshalb man von gebildeter Seite dort unermüdlich die Empfehlung bekommt, ihn unbedingt zu lesen. Besonders Dshamilja wird als Meisterwerk gepriesen, und Aragon wird gerne zitiert, der den Text als „die schönste Liebesgeschichte der Welt“ bezeichnete.

Gleich nach meiner Rückkehr las ich also die Erzählung. Eine Dreiecksgeschichte in einem kirgisischen Dorf, die sich vor allem durch die ungewöhnlichen Charaktere und die Spannung generierende Erzählperspektive auszeichnet. Dshamilja ist eine für lokale Verhältnisse ungewöhnlich unabhängige junge Frau, die sich nicht um Traditionen schert. Danijar kommt offensichtlich verstört aus dem Krieg zurück und entpuppt sich überraschend als eine Art Künstlerpersönlichkeit. Der Fünfzehnjährige Said ist Dshamiljas Schwager, hat ein Auge auf sie geworfen, ist durch die eigenen Emotionen aber noch überfordert.

Aitmatow wählt nun den Kunstgriff, Said zum Erzähler zu machen. Diese perspektivische Brechung passt ausgezeichnet zur Dramaturgie der Erzählung. Das Ergebnis ist in der Tat eine sehr charmante Erzählung. Sie erlaubt auch Einblicke in die kirgisische Kultur. Viele der beschriebenen Traditionen sind dort immer noch lebendig, davon konnte ich mich im April selbst überzeugen.

6 Antworten auf Tschingis Aitmatow

  • BigBen sagt:

    Ich würde Dir eher „Der Tag zieht den Jahrhundertweg“ empfehlen. Mit Liebesgeschichten habe ich es nicht so.

  • @BigBen: Was ist mit „Madame Bovary“, „Die Wahlverwandtschaften“, „Anna Karenina“ und so viele mehr?

  • BigBen sagt:

    Den Kommentar verstehe ich jetzt nicht. :(

  • Wollte nur darauf hinweisen, dass ein guter Teil der Weltliteratur aus „Liebesgeschichten“ besteht, die Du angeblich nicht magst.

  • BigBen sagt:

    Ach so. Die drei von Dir erwähnten habe ich noch nicht gelesen, also kann ich mir da kein Urteil erlauben. Aber generell bin ich einer reinen Liebesgeschichte eher abgeneigt. Es gibt aber auch Ausnahmen…
    Mir ging es mit meinem Kommentar ja mehr um einen besseren Tip für eine Aitmatow Lektüre. Djamila ist IMHO nicht sein bestes Werk.

  • scheichsbeutel sagt:

    Also das hab ich als eine etwas kitschige Lagerfeuerromantik für den veganen Sozialarbeiter in Erinnerung (und bin sehr überrascht, dass du das – wenn auch ein wenig relativierende Wörtchen – „charmant“ dafür gebrauchst). Das romantische Gesinge am Lagerfeuer hat mich genervt, einzig einige Naturbeschreibungen schön. – Einen Teil des Schneeleoparden hab ich auch gelesen, Aitmatov erscheint mir als der Erfinder des Ethnokitsch nebst ökologischen Fußabdruck.

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"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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