Reise-Notizen: Turkmenistan

Zu Beginn sei gleich gesagt, dass es sich bei allen fünf Ländern um solide Diktaturen handelt, selbstverständlich mit graduellen Abstufungen. Turkmenistan gehört ohne Zweifel zu den politisch unappetitlichsten Staatsgebilden und war die erste Station der Reise. Touristen sind eigentlich unerwünscht, weshalb die bürokratischen Hürden für die Einreise so fantasievoll sind, dass Kafkas Bürokraten zuvorkommend wie amerikanische Dienstleister wirken. Wir kamen um Mitternacht am Flughafen in Aschgabat an, und es dauerte knapp zwei Stunden bis die kleine Gruppe abgefertigt war. Es wurde aufgeschrieben, gestempelt, kontrolliert und kontrolliert, gestempelt und aufgeschrieben, jeweils mehrmals und in unterschiedlicher Reihenfolge. Für das Checkin ins Hotel „Grand Turkmen“ waren zwei Passfotos notwendig, außerdem gab es einen Hotelstempel in den Pass. Nach drei Tagen hatte man einen Berg von Reiseunterlagen, die anderen Orts vermutlich ausreichen würde, eine GmbH zu gründen.

Nach der Unabhängigkeit 1991 übernahm Saparmyrat Nyýazow die Macht, der ehemalige Vorsitzende der kommunistischen Partei, und errichtete einen auf monomanen Personenkult gegründeten Polizeistaat. Eine Erkundung der Hauptstadt Aschgabat führt dem Besucher sofort vor Augen, was mit den zweistelligen Milliarden an Erdöl- und Erdgaseinnahmen des Landes überwiegend passiert ist: Das Geld wurde in protzige Prunkbauten gesteckt. Ein Monumentalbau nach dem anderen reiht sich entlang der „Boulevards“, viele großzügig mit italienischem Marmor verkleidet. Ergänzt durch von den Einheimischen so genannte „Elitewohnungen“, aufgemotzte Plattenbauten, für die loyalen Funktionäre. Dazwischen immer wieder großzügig angelegte Parks. Eine wundersame Kreuzung aus Dubai und Disneyland. Aschgabat hat nur einen kleinen Schönheitsfehler: Die Plätze, Parks und Promenaden sind menschenleer. Urbanes Leben ist im turkmenischen Staatswesen offenbar nicht vorgesehen, und man kann nur hoffen, dass zumindest am Wochenende ein paar Menschen diese Anlagen nutzen. Die aus Frauen bestehenden Reinigungstrupps, die meist mit eingehülltem Kopf diese groteske Stadtsimulation sauber halten müssen, machen den Gesamteindruck nur noch gespenstischer.

Nyýazow ließ sich schon bald als Türkmenba?y (Führer der Turkmenen) verehren. Er schrieb als ideologisches Grundlagenwerk das Buch „Ruhnama“, das seine Untertanen zwangsverehren mussten. Es war de facto an vielen Schulen der einzige Unterrichtsstoff. In Aschgabat steht ein riesiges Buchdenkmal, welches dieses Druckwerk riesengroß in elegantem pink und hellgrün abbildet. Ich hätte nicht gedacht, ausgerechnet in Aschgabat mein erstes überdimensionales Buchdenkmal zu sehen …

Im Historischen Museum der Hauptstadt wird die von Nyýazow erfundene historische Geschichtsfiktion propagandistisch ausgeschlachtet. Auch das Museum war menschenleer, schätzungsweise kamen auf jeden Besucher mindestens zwei Reinigungskräfte. Sehr sehenswert ist allerdings der archäologische Teil des Hauses. Es gibt dort eine der weltgrößten Sammlungen an Elfenbeintrinkhörnern („rhyta“) aus dem zweiten Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung. Eine Delegation des Louvre hatte angeboten, einige dringend notwendige Restaurierungsarbeiten an den Gefäßen durchzuführen, man will die Kunstwerke aber nicht außer Landes geben. Erwähnenswert sind auch die dort ausgestellten Fresken aus der ehemaligen Partherstadt Nisa. Die Ausgrabungen liegen nur wenige Kilometer von Aschgabat entfernt, einer Besichtigung stand nichts im Wege. Eine der dort tätigen Archäologen, Batir, gab uns einen guten Einblick in den aktuellen Stand der wissenschaftlichen Arbeit dort.

Eine knappe Stunde Flug über die Wüste und man erreicht Daschwahus im Norden des Landes. Prunkbauten sucht man dort vergeblich, hier sieht man das eigentliche Turkmenistan, ein Entwicklungsland. Heruntergekommene Häuser in der Stadt, armselige Dörfer, waghalsige oberirdisch verlegte Gasleitungen an den Straßen entlang. Die Infrastruktur ist am Ende und ich empfehle den Ausflug nach Kohne Urgentsch, der ehemaligen Hauptstadt des Choresm-Reiches (995) und ein berühmtes ehemaliges Handlungszentrum, nur den hartgesottenen Kulturreisenden. Von den vielen Prachtbauten sind noch einige Ruinen zu sehen, so eine Grabmoschee der Sufi-Dynastie und das Mausoleum des Sultan Tekesch. Avicenna und Al Biruni waren einige Zeit in der Stadt tätig, was sie unter Emir Mahmum Gurgandsch zu einem intellektuellen Zentrum machte.

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"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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