Chinesischer Frühling? [2007]

Ein Reisebericht

Man mag sich noch so ausführlich auf ein fremdes Land vorbereiten, viele Bücher und ungezählte Artikel lesen, sich mit Experten und „Experten“ im Vorfeld austauschen, Dokumentationen ansehen und Recherchen betreiben: Man gewinnt medial selbst bei beachtlichem Aufwand kein Bild, das den Eindrücken vor Ort stand halten könnte. Meine knapp dreiwöchige Reise begann Anfang April in Peking, führte von dort in die Provinz Shanxi (Hauptstadt: Taiyuan) und endete nach den Stationen Xian und Guilin in Shanghai. Eine meiner vielen Erwartungen war, dass das totalitäre System in China direkt im Alltag der Menschen beobachtbar sein müsste. Weit gefehlt! Die Menschen nehmen auch bei politischen Fragen kein Blatt vor den Mund. Selbst bei klassischen Tabuthemen kommt anscheinend kaum jemand auf die Idee, seine Stimme zu senken, oder sich vorher umzusehen, wer gerade zuhört. So warf kurz nach meiner Ankunft in Peking bereits der lokale Guide am Tian’anmen-Platz meine Vorurteile über den Haufen, indem er offen von den Studentenprotesten und Falun Gong sprach. Ich bemerkte auch nur wenig Polizei und Militär auf der Straße. Sieht man allerdings wie fluchtartig ein kleiner Bettlerjunge, der sein Skateboard als Rollstuhl gebrauchte, verschwand, als ihm ein Polizist nur einen Blick zuwarf, wird der Respekt vor den „Ordnungskräften“ am Detail offenbar. Auch die Sicherheitskontrollen bei der Ein- und Ausreise waren kaum zu bemerken, kein Vergleich zu den Schikanen wie ich sie in Israel oder den USA beobachten konnte. Vor dem Hintergrund der gut dokumentierten Verfolgung von Dissidenten diverser Couleur, spricht dies für eine sehr differenzierte Vorgehensweise der Sicherheitskräfte. Man schlägt zu, sobald es für die Machthaber gefährlich werden könnte, belästigt die Bevölkerung aber nicht mit einem enormen Spitzelapparat. Zusätzlich hatte ich bei meinen Gesprächen nicht den Eindruck, dass politische Rechte bei den Menschen eine große Rolle spielen. An erster Stelle stehen nach wie vor ein menschenwürdiger Lebensstandard und eine gesicherte Zukunft für die Kinder.

Die in den westlichen Industrieländern so gefürchteten Niedriglöhne manifestieren sich dem Reisenden in Form einer Fülle von dienstleistenden Menschen. In jedem Hotel, in jedem Restaurant, in jedem Bus und jedem Zug, am Bahnhof und am Flughafen, gibt es unzählige Angestellte. Im Pekinger Capital Hotel, in dem sich die Aufzüge in Oxford-Englisch bei den Gästen nach jeder Fahrt bedanken, scheinen Menschen nur dazu angestellt zu sein, um den werten Reisenden etwa mit einem nachdrücklichen „Sir, please watch your step“ vor den Gefahren einer tückischen Stufe zu warnen. Am zweiten Abend klopfte es an die Tür meines Hotelzimmers. Drei verlegene junge Männer standen vor mir und redeten gestikulierend auf mich ein. Nach einiger Zeit verstand ich deren Aufgabe: Sie ziehen jeden Abend zu Dritt von Zimmer zu Zimmer, um nichts anderes zu tun als die Vorhänge zu schließen und die Betten aufzudecken. Am Flughafen geht die Bordkarte statt durch eine durch mindestens drei Hände, nicht ohne jedes Mal abgestempelt oder abgerissen zu werden. In guten Restaurants stehen nicht nur junge Männer auf den Toiletten, um den Gästen Seife und Handtücher zu reichen, man findet auch bis zu vier junge Damen am Ausgang des Lokals, von denen nichts anderes verlangt wird, als die Gäste freundlich zu verabschieden. Kurz, man sieht die Verlängerung der Billiglöhne in den Fabriken auch auf Schritt und Tritt im Dienstleistungssektor. Durch die westliche Brille betrachtet, ist das extrem ineffizient, reduziert aber sicher effektiv die Arbeitslosigkeit (zu Hungerlöhnen, versteht sich).

Die Perspektive des Mitteleuropäers kommt noch stärker zur Geltung, wenn es um die Kunstrezeption geht. Als ich vor dem knallbunten Himmelstempel samt Nebengebäuden in Peking stehe, kommt mir unweigerlich Disneyland in den Sinn. Das ist natürlich eine völlig inakzeptable Assoziation, sie stellt sich aber mit Hartnäckigkeit immer wieder ein. Auslöser dieses Eindrucks ist wohl unsere Gewohnheit, europäische antike Monumente meist in elegantem Weiß zu sehen. Es entbehrt selbstverständlich nicht der Ironie, dass auch sie im Original ähnlich knallbunt waren wie es die chinesische Architektur noch heute ist.

Vor dem Hintergrund der in Europa zum Teil wütend geführten Debatten um die korrekte Restaurierung von Kunstwerken, man erinnere sich nur an die „Renovierung“ der Sixtinischen Kapelle, verwundert es sehr, wenn man in China offenbar einfach fröhlich darauf los malt, sobald die Farben schwächer werden. Der Wert der Authentizität, der für uns zumindest bei der vormodernen Kunst einen so hohen Stellenwert einnimmt, spielt in Ostasien nur eine sehr untergeordnete Rolle. Ein Professor für klassische Malerei in Guilin erläuterte zwei Wochen später dazu passend, dass es bei der Ausbildung zum Maler, die sieben Jahre und länger dauert, das höchste Ziel sei, perfekte Kopien von Meisterwerken herzustellen. Diese nähmen in der Wertschätzung dann durchaus denselben Rang ein, wie die „Originale“ selbst. Erst wenn man diese Kopiertechnik beherrscht, kann man sich dann durch subtile Feinheiten, etwa im Pinselstrich, einen Personalstil zulegen. Das ist nicht nur konträr zum abendländischen Konzept des Fortschritts und der Innovation in den Künsten, es dürfte auch die eine oder andere philosophische Theorie der Ästhetik in Verlegenheit bringen.

Unsere Reiseroute führte automatisch zu einem Buddhismus-Schwerpunkt. Besser spräche man wohl allgemein von „Religion“, da die in China gelebte Praxis des Mahayana-Buddhismus im Alltag mit unzähligen traditionellen Elementen kombiniert wird, vom Daoismus bis zum Ahnenkult. Mit der klassischen Lehre des Gautama hat dies naturgemäß nichts mehr zu tun. Eine der grundlegenden Ideen des Buddhismus ist bekanntlich, sich die Erlösung durch die Zähmung des Begehrens zu erarbeiten. In der chinesischen Tempelpraxis dagegen werden an die höheren Mächte begehrlich zahlreiche Wünsche herangetragen: Wie in allen anderen Religionen auch belästigt man die Vertreter der Transzendenz mit Wünschen nach Gesundheit, Kindern und einem langen Leben. Sind diese Grundbedürfnisse adäquat adressiert, darf es aber auch gerne eine Wohnung oder ein neues Auto sein, dessen beschleunigte Manifestation man sich durch ein gezieltes Opfer erhofft. An dieser Stelle sei kurz eingeflochten, dass ein junger, gut ausgebildeter Pekinger auf die Frage, was die größten Wünsche seiner Generation seien, folgende Einschätzung abgab: Erst eine Eigentumswohnung für die eigene Familie, danach einen Wagen (Mittelklasse sollte es schon sein) und schließlich eine Reise nach Europa.

Ungezählte Tempel betrat ich in den drei Wochen. Die höchste Konzentration dieser Anlagen findet sich auf 2000 Meter Höhe in einem malerischen Bergtal am Wutaishan, einem buddhistischen Lourdes (Provinz Shanxi). Je nach Zählung findet man dort um die 40 Klöster, in denen sich noch kaum Europäer, dafür aber sehr viele asiatische Pilger tummeln. Herausgreifen möchte ich nur eines davon, das Nanshan Si (Kloster am Südberg). Wenig besucht liegt es idyllisch am Ende des Tales und eignet sich hervorragend, um den ungeheuren Eklektizismus der Religionsausübung zu illustrieren: Es finden sich Hallen nicht nur zu den üblichen Verdächtigen, nämlich vielen Bodhisattvas, die religionssoziologisch für die Chinesen eine ähnliche Rolle spielen, wie die Heiligen für die Katholiken. Zusätzlich existieren dort daoistische Hallen und – mein Lieblingsfundstück – eine Wandmalerei mit einer furiosen Höllendarstellung, die selbst Dante Freude gemacht hätte, aber im buddhistischen Kontext eigentlich nichts verloren hat. Vieles davon ist leider nicht frei zugänglich, aber dank sinologischer Begleitung brachten wir einen Mönch dazu, uns auch die für Touristen eigentlich geschlossenen Teile des Klosters zu zeigen (darunter die „Hölle“).

Mich im Gewirr der Bodhisattvas ikonographisch zu Recht zu finden, gab ich schnell auf. So war es ein Trost, eine junge Chinesin zu beobachten, die unbedingt zu einem bestimmten dieser hilfreichen Geister beten wollte, und etwas ratlos vor den verschiedenen Figuren stand. Sie musste sich erst beim diensthabenden Mönch erkundigen, wen sie eigentlich anbeten sollte. Eine erfrischend pragmatische Vorgehensweise. Diese Lebensnähe kann man auch einer religiösen Zeremonie nicht absprechen, an der ich am anderen Ende des Tals als Besucher teilnahm. Mehrere Familien hatten Mönche mit einem „Ahnen-Gottesdienst“ beauftragt. Die Mönche saßen in einem offenen Viereck und lasen ihre Mantras. Die Gläubigen gingen, jeder mit einem Stapel Geldscheine in der Hand, langsam von Mönch zu Mönch und legten einen dieser Scheine vor einem Mönch nieder. Danach beugte man sich vor und empfing den Segen mit Hilfe der Schriftrolle aus der vorgelesen wurde. Nach kurzer Zeit stapelten sich vor den meisten Mönchen hübsche Stapel mit Banknoten. Als ich meiner Verblüffung ob dieser vergleichsweise schamlosen Umwandlung von Geld in Segen Ausdruck verlieh, wurde mir bedeutet, dass es sich dabei quasi nur um Trinkgelder handele und schon die Veranstaltung an sich ein großes Preisschild trüge.

Auf dem Weg zum Wutaishan sollte man auf keinen Fall die Yunggang Grotten bei Datong versäumen. Nach dem barbarischen Bildersturm der Taliban in Afghanistan, findet man dort die besterhaltenen buddhistischen Grotten aus dem 5. Jahrhundert. In vielen Höhlen finden sich zehntausende an Buddhafiguren, von zwei Zentimetern bis 17 Meter Höhe. Die Ausschmückung der Höhlen ist mit großer Meisterschaft ins Werk gesetzt worden und man stößt sogar auf europäische Einflüsse in der Bildsprache.

Eine vorzügliche Gelegenheit sich mit dem Islam in China zu beschäftigen, gab es in Xian, dem Zentrum des moslemischen Glaubens im Reich der Mitte. Die meisten Moslems sind Sunniten und Angehörige der Hui Nationalität und fallen im Straßenbild nur durch eine weiße Kappe auf. Ein Angestellter der Moschee, Herr Wai, erklärte sich bereit, uns einiges über den Alltag der Hui in China zu erzählen. Es klang relativ glaubwürdig, dass Chinas Regierung die Minderheiten löblich fördere. Diese Einschätzung bekam ich auch in Südchina zu hören und eine dieser Fördermaßnahmen bestehe darin, dass Minderheiten im Gegensatz zu Han Chinesen oft mehrere Kinder haben dürfen. Eine religiöse „Zusatzausbildung“ des Hui-Nachwuches sei kein Problem, so lange alle Kinder die staatlichen Schulen besuchen. Es gäbe auch ein staatliches Ausbildungsprogramm für Imame. Die Moschee selbst sieht von ihrer Architektur her aus wie ein chinesischer Tempel und wirkt deshalb wie ein religiöses Kuriosum.

Will man etwas über den Alltag der Chinesen erfahren, reicht es keinesfalls die klassische touristische Route (Peking, Xian, Guilin, Shanghai) zu bereisen. Deshalb entschieden wir uns für eine vielstündige Fahrt in die nordöstliche Gegend von Peking, sowie für einen knapp einwöchigen Besuch der Provinz Shanxi (nicht zu verwechseln mit Shaanxi weiter südlich), sieben Zugstunden westlich von der Hauptstadt gelegen.

Neben der Landwirtschaft ist die wichtigste Branche dort der Kohleabbau, und eine Reihe der berüchtigten Bergwerksunglücke mit vielen Toten fanden in Shanxi statt. Schon auf der Zugfahrt von Peking nach Datong (in der ersten von vier (!) Klassen) hatte man teilweise gespenstische Szenerien vor Augen: Man fährt auf dem Lößplateau, das der Landschaft eine dreckiggelbe Grundfarbe gibt. Davor türmen sich Kohleberge, alte durchgerostete Krananlagen und jämmerliche Blechhüten. Man stelle sich das in großen Dimensionen und mit schwarzem, klebrigem Kohlestaub bedeckt vor. Mich erinnerte dieser düstere Landstrich an die apokalyptischen Schilderungen des Wolfgang Hilbig und auch in der folgenden Woche kamen mir regelmäßig Beschreibungen des frühindustriellen Englands durch Charles Dickens in den Sinn.

Zwischen diesen noch im Gebrauch befindlichen musealen Industrieparks finden sich immer wieder futuristisch wirkende, hochmoderne Anlagen wie aus einem Prospekt in die chinesische Provinz verpflanzt, und geben ein groteskes Sinnbild über die Unterschiede zwischen dem alten und dem neuen China ab. Dieser staub trockenen Erde versuchen Bauern mit einfachsten Mitteln eine Ernte abzuringen. Die Dörfer bestehen vielerorts noch aus armseligen Lehmhütten, Müll aller Art ist allgegenwärtig. Viele hunderte Kilometer legten wir durch den Norden Shanxis zurück und nie habe ich etwas besser verstanden, als dass die jungen Menschen dieser Region in Scharen in die Städte abwandern. Selbst das Los eines Wanderarbeiters wird vor diesem Hintergrund sehr erstrebenswert.

Zwei Wochen später stand ich, diese Bilder immer noch im Kopf, am Bund in Shanghai vor der berühmten nächtlichen Skyline. Böse Zungen behaupten ja, dass China nicht nur Papier und Schwarzpulver, sondern auch den Kitsch erfunden hätte. Angesichts dieser bunten, aber doch seltsam stimmig wirkenden Disneywelt in den chinesischen Städten, ist man fast geneigt, dem zuzustimmen. Dieser ungeheuerliche Kontrast zwischen staubigen Lehmhütten und futuristischen Wolkenkratzern zeigt die Herausforderung, vor der China in den nächsten Jahrzehnten steht, wohl am augenscheinlichsten.

[Literatur und Kritik Juli 2007; © Christian Köllerer]

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(5. Januar 2013)

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