Reise-Notizen: Jordanien (1): Erste Eindrücke und Religion

Fliegt man mit der Royal Jordanian nach Amman, wird schon kurz vor dem Abflug klar, dass es in ein islamisches Land geht: Auf den Videoschirmen vor jedem Sitz wird ein „Travel Prayer“ ausgestrahlt. Zusätzlich wird auf den üblichen visuellen Fluginformationen die Richtung nach Mekka angezeigt, wobei das Flugzeug Icon den ganzen Flug über auf der Landkarte zuckend an Amman klebte, wie die Fliege auf Musils Fliegenpapier. Allah scheint uns das aber nicht übel genommen zu haben, denn es war ein ruhiger Flug.
Nimmt man eine Skala an, welche den Islamisierungsgrad einer Gesellschaft anzeigt und auf der Saudi Arabien sehr weit oben und die Türkei sehr weit unten stünde, wo würde man Jordanien einordnen? Im Westen gilt das Land als gemäßigt, was im Vergleich mit den strikteren Scharia-Proponenten wohl eine zutreffende Einordnung zu sein scheint. Amman aber als fast westliche Stadt zu bezeichnen, wie das einige Reisebücher tun, wäre jedoch vorschnell. Nach mehr als 1500km Fahrt kreuz und quer durch das kleine Land (etwas größer als Österreich), wird deutlich, dass der Islam im Leben der Menschen eine wichtige Rolle spielt. Westlich gekleidete Frauen kann man in den Städten durchaus antreffen, aber sie fallen auf und ziehen Blicke auf sich. Muezzine sind laut und deutlich fünf Mal am Tag zu hören (immer live, keine Tonbänder) und der Islam beeinflusst die Gesetzgebung: Verhütungsmittel sind allgemein verboten und Abtreibung wird sehr streng bestraft.
Das dürfte, zusätzlich zum vormodernen, „klassisch“ arabischen Familienbild einer der Hauptgründe für die hohe Zahl an Kindern sein. Unser Guide gab als offizielle Zahl 6,7 Kinder pro Familie an und als ob die jordanische Tourismuswirtschaft seine Aussage gezielt empirisch bestätigen wollte, bekam unser Fahrer während der Reise das siebte Kind, einen Buben. Man konnte ihm die Routine des Vaterwerdens anmerken, die Angelegenheit war mit ein paar Handytelefonaten erledigt, und zur Feier des Tages verteilte er arabische Süssigkeiten.
Diese beachtliche Kinderquote hat natürlich Konsequenzen: 5,8 Millionen Einwohner zählt das Land, davon sind 1,8 Millionen Schüler. Die Jugendlichkeit des Landes ist überall offensichtlich, und man wundert sich angesichts dieser Demographie, warum Jordanien weniger Probleme mit dieser Situation hat als die nordafrikanischen Ländern. Das Bildungssystem ist, dem Vernehmen nach, ausgezeichnet. Es gibt 22 Universitäten , zählt man die privaten mit. Jordanien exportiert gut ausgebildete Akademiker in andere arabischen Staaten, während die niedrigeren Tätigkeiten im eigenen Land von vielen Ägyptern erledigt werden.
Das Bildungssystem wird auch von Mädchen und Frauen sehr intensiv genutzt, das ist sicher einer der Hauptgründe, warum man Jordanien auf der Islamisierungsskala im unteren Drittel ansiedeln kann.

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„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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