Livius

Die Anfänge Roms. Buch I

Römische Geschichtsschreiber stehen schon länger auf meiner Leseliste. Livius habe ich deshalb gewählt, weil ich bald einmal Machiavellis zweites Hauptwerk lesen wollte: Discourses on Livy. Es soll ein wichtiges Korrektiv zu „Il principe“ sein, was Machiavellis politische Philosophie angeht.

Bekanntlich schrieb Livius 142 Bücher über die Geschichte Roms, eine monomane Leistung, die ca. 11.000 eng bedruckten modernen Seiten entspricht. Überliefert sind leider nur 35, darunter die 1-10, welche die Stadtgründung Roms und die frühe Geschichte beschreiben, von denen ich die ersten fünf nun als Einstieg lesen will.

Der erste Lektüreeindruck war denn auch ausgesprochen positiv: Livius schreibt eine sehr gut zu lesende Prosa und würzt seine Darstellung ab und an mit kritischen Bemerkungen. Schon gleich in der Vorrede heißt es:

Was vor der Gründung der Stadt oder dem Plan zu ihrer Gründung mehr mit dichterischen Erzählungen ausgeschmückt als in unverfälschten Zeugnissen der Ereignisse überliefert wird, das möchte ich weder als richtig hinstellen noch zurückweisen. [S. 33]

Gibt es zu einer Episode mehrere Erzählungen bringt Livius gerne beide Varianten. Er versucht sich auch ab und zu an naturalistischen Erklärungen mythologischer Wundergeschichten, ganz so wie Herodot im 2. Buch über Ägypten.

Das erste Buch beschreibt nun die Gründung Roms und die Regierungszeiten der ersten Könige samt deren Eroberungskriegen und deren Einführung römischer Institutionen (Senat, Gesellschaftsstruktur, Rechtswesen…). Dabei gibt es immer wieder sehr interessante Nebenaspekte, etwa dass Rom zu Beginn auch deshalb so schnell wuchs, weil es als Fluchtziel für Unzufriedene aller Art galt. Ein sehr frühes Beispiel des mittelalterlichen Mottos „Stadtluft macht frei“:

Hier suchten alle möglichen Leute aus den Nachbarvölkern, die ein neues Leben beginnen wollten, Zuflucht, wobei es nichts ausmachte, ob einer ein Freier oder ein Sklave war; und das war der erste Ansatz zu der beginnenden Größe. [S. 46]

Bemerkenswert finde ich auch, dass Livius bereits die machtpolitische Rolle der Religion problemlos durchschaut:

Damit die Römer, die bisher durch die Furcht vor Feinden und militärische Zucht in Schranken gehalten worden waren, nicht in der Ruhe, wo es keine Sorge vor Gefahren von außen mehr gab, der Ausgelassenheit verfielen, glaubte er ihnen als allererstes Furcht vor den Göttern ins Herz senken zu müssen – ein im Hinblick auf die Unerfahrenheit und den damaligen niedrigen Bildungsstand der Menge äußerst wirksames Mittel. Da diese Furcht vor den Göttern ohne die Erfindung von etwas Wunderbarem in ihren Herzen nicht Wurzel schlagen konnte, tat er so, als habe er mit der Göttin Egeria nächtliche Zusammenkünft […] [S. 60]

Wie wenig hat sich seitdem geändert! Eine Grund, warum man Livius sehr gerne liest, sind natürlich die zahlreichen bekannten Geschichten, die man aus anderen Zusammenhängen bereits gut kennt. Man denke nur an die bildende Kunst, wo z.B. der Raub der Sabinerinnen ein sehr beliebtes Motiv war.

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"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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