Yasmina Reza: Der Gott des Gemetzels

Burgtheater 1.4. 2008
Regie: Dieter Giesing
Véronique Houillé: Maria Happel
Michel Houillé: Roland Koch
Annette Reille: Christiane von Poelnitz
Alain Reille: Joachim Meyerhoff

Reza spezialisierte sich auf Stücke, die scheinbar den Nerv der Zeit treffen. Ihr theatralisches Prinzip ist schnell benannt: Versteckte Anbiederung an die Vorurteile des gebildeten Mittelstands. So ist es nicht überraschend, dass ihr jüngster Text in den europäischen Theatern erneut stürmische Erfolge feiert. Bietet er doch nichts weniger als die Möglichkeit, Boulevard zu zeigen, der sich hinter dem Deckmäntelchen des intelligenter Gegenwartsdramatik versteckt. Angesichts leerer Theaterkassen, ergreift man so eine Gelegenheit natürlich gerne…

Bereits Rezas oft gespieltes „Kunst“ folgte diesem Schema und setzte schlau auf das Unverständnis gegenüber moderner Kunst. In „Der Gott des Gemetzels“ stattet ein Ehepaar einem anderen einen Versöhnungsbesuch ab. Ihr Sohn hatte dem Sprössling der anderen mit einem Stock ein paar Zähne ausgeschlagen. Ziel ist eine kultivierte Aussprache. Statt dessen setzt Reza eine Spirale in Gang, die in der Auflösung aller kultivierten Umgangsformen und einem heftigen Streit endet. Man kennt das aus viel gelungeneren Werken (Who’s Afraid of Virginia Woolf?) zur Genüge.

Dies alles ist nun theatertechnisch kompetent umgesetzt, sowohl was den Text als auch was die Inszenierung angeht. So spult sich das Stück unterhaltsam vor einem ab. Man darf nur nicht den Fehler machen, darüber nachzudenken. Sonst bleibt einem das Lachen schnell im Halse stecken.

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„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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