Dino Buzzati: Die Tatarenwüste. Roman

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Unter Bücherfreunden wird Buzzati gerne mit dem Prädikat „italienischer Kafka“ belegt. Wie alle derartigen Schubladen ist auch diese problematisch, soweit man das nach dem Lesen eines einzigen Romans sagen kann, durch denn Buzzati allerdings berühmt geworden ist.

Das Prädikat hat eine gewisse Berechtigung, wenn man es auf Buzzatis Stil bezieht, schreibt er doch eine in verschiedener Hinsicht fantastische Geschichte in einem so realistischen Duktus als sei es das Selbstverständlichste auf der Welt. Hier erinnert Buzzati tatsächlich an Kafka, dessen Ästhetik ansonsten aber viel radikaler anmutet. Kafkas Ambiguitäten schmerzen den Leser geradezu und verlangen nach einer (unmöglichen) Deutung. Die Bibliothken voller widersprüchlicher Interpretationen belegen das hinreichend.

Buzzatis Rätselhaftigkeit ist weniger befremdend, was beschreibend, nicht wertend gemeint ist. „Die Tatarenwüste“ erzählt die Lebensgeschichte des Giovanni Drogo, der als junger Leutnant seine militärische Karriere in einer geheimnisvollen, entlegenen Festung im Gebirge beginnt. Diese liegt am Rand der Tatarenwüste, um das Land vor einem Tatareneinfall zu schützen. Wie weiland Hans Castorf in Davos will Drogo nur kurz bleiben, wird dann aber nicht nur sieben Jahre, sondern sein gesamtes Leben dort verbringen. Man wartet mit Sehnsucht auf den Angriff aus den Norden, um der eigenen Existenz Sinn zu geben. Unterbrochen von diversen Vorkommnissen zieht das Leben an Drogo vorbei, während seine ehemaligen Freunde in der Stadt normale Leben führen.

Diese Geschichte ist von großer existenzieller Symbolkraft, Buzzati ist ein Meister der Doppelbödigkeit. Man glaubt stellenweise, eine modernen Mythos zu lesen. Hier wird „Klassisches“ mit der Moderne kongenial verbunden.

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„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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