Charles Dickens: Oliver Twist

(Audiobook unabridged)

Unter Klassikerfreunden wird immer gerne einmal über die literarische Qualität bestimmter Autoren gestritten. Dickens ist einer dieser Kandidaten. Balzac wäre ein weiterer. Der Brite zählt zweifellos zum Kernbestand des literarischen Kanons und wird nicht nur im angelsächsischen Raum aufs Podest gestellt. Man schlage dazu die Artikel in der Britannica nach, wo er es sogar in die Macropeadia geschafft hat.

Dieser Glorifizierung wird gerne entgegen gehalten, dass Dickens Romane überschätzt würden. Vieles, speziell das frühe Werke sei schnell geschriebene Serienware, gespickt mit Kolportage. Damals wie heute gute Unterhaltung, aber keine erstrangigen Sprachkunstwerke.
Lese bzw. höre ich in diesem Fall ein Werk Dickens, erscheint mir diese Diskussion sehr plausibel, spielt sie sich doch bei mir selbst ab. „Oliver Twist“, in Fortsetzungen 1837/38 erschienen, bietet hier besonders gutes Anschauungsmaterial, ist der Plot doch vollgestopft mit unwahrscheinlichen Sentimentalitäten aller Art, wozu arme, ausgebeutete Kinder unter grausamen Erwachsenen naturgemäß vorzüglichen Stoff abgeben. Trotz einiger Toter gibt es ein rührendes happy end, versteht sich.

Nun könnte man den Roman als abgekanzelt beiseite legen, wäre da nicht die großartige andere Seite. Dickens ist ein Meister der Figurenzeichnung. Viele seiner Charaktere erlangen eine eindringliche Lebendigkeit wie man sie nur selten in der Literatur antrifft. Mag Oliver Twist hier kein gutes Beispiel sein, ist es die Bevölkerung der brillant beschriebene Halbwelt Londons sehr wohl. Die Welt der Armen schildert Dickens nicht nur ohne Scheuklappen, sondern steckt seine bürgerlichen Leser kopfüber in den Morast ihrer verdrängten Umwelt. Die Sentimentalität Dickens wird durch seine tiefe Humanität mehr als ausbalanciert: Für einen Fortsetzungsroman ist das Werk auch erstaunlich stringent komponiert. Es gibt kaum einen Handlungsstrang oder eine Motivreihe, die nicht souverän zu Ende gebracht wird.

Gerade diese Zweideutigkeit ist es, die Dickens interessant macht. Man kann viel von ihm lernen, wie gute Literatur funktioniert, eben weil in seinem Frühwerk manches nicht perfekt ist. Meine Prognose: Man wird diese Grundsatzdiskussion noch sehr lange führen und man wird Dickens noch viel länger lesen.

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„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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