Schiller: Wallenstein [3.]

Werkausgabe & Burgtheater 5.1.
Regie: Thomas Langhoff
Wallenstein: Gert Voss
Octavio Piccolomini: Dieter Mann
Max Piccolomini: Christian Nickel
Graf Terzky: Johannes Terne
Illo: Dirk Nocker
Isolani: Johannes Krisch
Buttler: Ignaz Kirchner
Herzogin von Friedland: Kitty Speiser
Thekla: Pauline Knof
Gräfin Terzky: Petra Morzé

Viel Glück hatte das Burgtheater nicht mit diesem „Wallenstein“. Ursprünglich sollte Andrea Breth die Reihe ihrer ausgezeichneten Schiller-Inszenierungen fortsetzen: zwei Abende waren geplant. Breth musste leider (leider!) eine Auszeit nehmen und Thomas Langhoff sprang ein. Aus zwei Abenden wurde einer, womit wir schon am Kern des ästhetischen Problems angekommen sind.

Eine Kurzfassung aufzuführen, ist natürlich immer eine legitime Möglichkeit. „Der Sturm“ im Akademietheater etwa bot eine originelle und deshalb stimmig geschrumpfte Version. Langhoff dagegen kürzte, ohne sein Regiekonzept einer „normalen“ (modernen) Klassikerinszenierung aufzugeben. Die Konsequenz: Bildungsbürgerlicher Schiller in einer Digestfassung, die viel Bildungsgut wegkürzt. Ein seltsames Paradoxon.

Während man die „Die Piccolomini“ und „Wallensteins Lager“ ordentlich zusammenstutzte, fiel „Wallensteins Lager“ komplett der Schere zum Opfer. Das ist besonders ärgerlich, weil sich Schiller hier auf der Höhe seiner Theaterkunst zeigt. Er bringt zum ersten Mal viel (Kriegs)volk als Hauptdarsteller auf die Bühne, und nimmt damit partiell Büchners „Woyzeck“ vorweg. Zusätzlich greift er zum raffinierten Mittel der indirekten Einführung seiner Hauptfigur. „Wallenstein“ ist an jedem Lagerfeuer präsent, ohne im ersten Teil der Triologie einen Auftritt zu haben.

Die viereinhalb Stunden lange Kurzfassung ist, sieht man von diesen grundsätzlichen Einwänden ab, nicht völlig misslungen. Vor allem, wenn man das Stück frisch gelesen noch im Gedächtnis hat, und damit die Kürzungen leichter verschmerzt. Gert Voss kann als Wallenstein nicht gänzlich überzeugen. Dieser Feldherr ist als eine Art gealterter Hamlet angelegt, ein intellektueller Zauderer. Diesen Typus verkörpert Voss gekonnt, dafür bleibt das Charisma eines Heerführers auf der Strecke und damit ein wichtiger Teil des Charakters der Figur. Christian Nickels Max Piccolomini, der beim Lesen an den moralischen Idealismus und das Feuer des Marqis de Posa erinnert, wirkt ähnlich blass.

Nach diesem Abend frägt man sich einmal mehr, warum keine der großartigen Inszenierungen der Breth („Don Karlos“, „Maria Stuart“) mehr auf dem Spielplan steht.

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„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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