Michael Köhlmeier: Abendland. Roman

Carl Hanser Verlag (Amazon Partnerlink)

Eigentlich hatte ich Köhlmeier als interessanten Autor schon abgeschrieben, seitdem er sich die letzten Jahre vor allem auf die fließbandmäßige Nacherzählung von Mythen und Sagen verlegt hatte. Der Ich-Erzähler des neuen Romans Sebastian Lukasser ist Schriftsteller und wird an einer Stelle von einem amerikanischen Lektor darauf angesprochen, dass sich mit Shakespeare Nacherzählungen eine Menge Geld verdienen ließe. Köhlmeier hat mit Shakespeare neu erzählt ein ähnliches Buch vorgelegt und ist damit wenigstens erfrischend offen.

„Abendland“ ist das bisher ambitionierteste Werk Köhlmeiers. Der Titel und Umfang (800 Seiten!) des Buches zeigen, in welche Gefilde er sich vorwagt: Ein großer Roman über das 20. Jahrhundert sollte es sein. Nimmt man hinzu, dass im Mittelpunkt mit Carl Jakob Candoris, der mit 95 Jahren seinem Patenkind Sebastian sein Leben erzählt, ein Mathematiker und Logiker steht, denkt man zwangsläufig an Ulrich, Hauptfigur von Musils „Mann ohne Eigenschaften“. So viel literarischer Wagemut ist sympathisch, deshalb las ich das Buch.

Nun ist es keine Überraschung, dass Köhlmeiers Roman dem Vergleich mit Musil oder Doderer nicht stand halten kann. Außergewöhnlich jedoch ist, dass dieses megalomane Projekt ein lesenswertes und sympathisches Ergebnis zeitigt. „Abendland“ stellt dem Leser ein so weit ausgreifendes Handlungsgeflecht vor Augen, das ich hier im einzelnen nicht wiedergeben will. Es wird sowohl das Leben des Carl Candoris als auch das Sebastion Lukassers erzählt, mit einer großen Zahl an Nebenfiguren. Dieses Leben spielt sich zu wichtigen Teilen in Wien und Manhattan ab, nebenbei bekommt man also einen Wien- und New-York-Roman auf den Büchertisch. Es ist sehr viel von Musik (Jazz!) und einiges von Mathematik und Atomphysik die Rede. Kurz, was den semantischen Raum des Romans angeht, erfüllt Köhlmeier durchaus seinen Vorsatz, ein Panorama des letzten Jahrhunderts vorzulegen. Auf dieser Ebene bekommt man abwechslungsreiche und intelligente Lesekost vorgesetzt.

Es sind jedoch zwei Aspekte, warum „Abendland“ zwar ein ausgezeichnetes Buch ist, es aber von anderen „Jahrhundertromanen“ doch einen Respektabstand einhalten muss: das ästhetische Konzept und die Behandlung intellektueller Themen. Köhlmeier ist ein klassischer Erzähler und so ist der Roman auch angelegt. Aus verschiedenen Ich-Perspektiven bekommen wir Teile der Biographien des Romanpersonals traditionell erzählt. In dem Bezugsrahmen „realistische Erzählung“ ist das handwerklich hervorragend gemacht. Speziell die geschickte Behandlung der verschiedenen Zeitebenen, die kunstvolle Verknüpfung von Vor- und Rückblenden und die narrative Gesamtkonzeption des Werks, die eine Menge von Handlungsebenen überblicken muss, sind vortrefflich gelungen. Im deutschsprachigen Raum dürfte es nur wenige Autoren geben, die Köhlmeier hier das Wasser reichen könnten. Man fühlt sich eher an große amerikanische Autoren erinnert.

Nun stellt sich aber die grundsätzliche Frage, ob diese klassische Erzählweise zu Beginn des 21. Jahrhunderts für ein Sprachkunstwerk wirklich angemessen ist – und das muss man verneinen. Etwas mehr Mut zu avancierten Erzähltechniken und gezielte Variation der Erzählmittel, und es wäre ein Meisterwerk geworden.

Mein zweiter Einwand betrifft die Behandlung der intellektuellen Themen im Roman. Auch hier sei vorweg eingeräumt, dass Köhlmeier das Prädikat eines gelehrten Autors durchaus verdient. Er kennt nicht nur die Klassiker der Weltliteratur (auf die implizit und explizit angespielt wird) und weiß viel Hörenswertes über Musik- und Wissenschaftsgeschichte zu schreiben. Aber auch hier gilt: Er bringt diese Themen vergleichsweise bieder in den Roman ein. Das wird deutlich, wenn man beispielsweise die Verarbeitung der mathematischen Themen mit denen im „Mann ohne Eigenschaften“ vergleicht, oder die Literarisierung von Musik mit dem „Dr. Faustus“. Während Köhlmeier klug über Musik schreibt, übersetzt Thomas Mann Musik fulminant in Literatur. Außerdem scheint sich Köhlmeier vor der Tragfähigkeit dieser Themen zu fürchten. Anstatt ihnen den Raum zu geben, den sie intellektuell verdienen, werden sie zugunsten von traditionell spannenden Handlungselementen (inklusive Mord und Spionage) vernachlässigt. Mehr Mut zum Geist, möchte man ihm beim Lesen zurufen, speziell im letzten Viertel.

Obwohl diese Einwände durchaus schwerwiegend sind, las ich „Abendland“ sehr gerne. Der Roman gehört sicher zu den interessantesten österreichischen Büchern seit Jahren und verdient es, dass man sich mit ihm beschäftigt.

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„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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