Oliver Goldsmith: The Vicar of Wakefield

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Eingangs sei gesagt, dass die bestellte Originalausgabe so lange auf warten sich ließ (immer noch auf sich warten lässt), dass ich das Buch in der Übersetzung von Ilse Buchholz las. Der einzige Roman des englischen Exzentrikers Oliver Goldsmith erschien 1766 und steht in der Tradition moralisch-sentimentaler Werke dieser Zeit. Im Mittelpunkt steht eine plötzlich verarmte Landpfarrerfamilie aus der englischen Provinz, die einen herben Schicksalsschlag nach dem anderen erleidet, bevor sich am Ende alles zum Besten wendet.

Vergleicht man das Buch mit den besten Werken dieser Zeit, etwa mit dem seit 1759 publizierten brillanten „Tristram Shandy“ des Laurence Sterne, fällt das Ergebnis für Goldsmith nicht vorteilhaft aus. Was man zu Gunsten seines Romans sagen kann, sind im vor allem zwei Punkte: Die teilweise ironische Behandlung des Genres führt zu einer kritischen Distanz und die Erzählperspektive ist kritisch gebrochen. Die Selbstgefälligkeit des Landpfarrers Dr. Primrose‘, des Ich-Erzählers, wird durch so manches Handlungselement konterkariert. Zur Ironie ist einschränkend zu ergänzen, dass sie nicht immer funktioniert, und von den kolportagehaften Ereignissen oft überdeckt wird.

Womit nun die größte Schwäche des Buches bereits angesprochen ist: Die melodramatische Handlung, die durch Ironie nicht ausreichend relativiert wird. Das liest bis zum Beginn des Schlusses ganz nett, aber die letzten dreißig Seiten würde selbst ein durch „deus ex machina“ – Effekte verwöhntes altgriechisches Publikum überfordert haben. Eine unwahrscheinliche glückliche Wendung jagt die nächste, inklusive „Wiederauferstehung“ von angeblich Toten. Am Ende schwimmen die Guten in Glück und Wohlstand und die Schurken werden entlarvt.
Dass Goldsmith das schlechte ästhetische Gewissen gepackt haben muss, zeigt folgende Rechtfertigung zum Thema Zufälle:

Und jetzt ist es an der Zeit, daß ich in meinem Bericht innehalte, um einmal nachdrücklich auf diese sogenannten zufälligen Begebenheiten hinzuweisen, die selten genug gebührend beachtet werden, obwohl sie sich Tag für Tag ereignen. Jede Freude, jede Annehmlichkeit in unserm Leben verdanken wir einem solchen zufälligen Zusammentreffen. [S. 253]

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„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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