Cormac McCarthy: The Road

Man ist es heutzutage ja gewöhnt, dass drittklassige Bücher als Meisterwerke gepriesen werden. Trotzdem machten mich die Hymnen auf „The Road“ ausreichend neugierig, um diesen Roman zu lesen. Eine gute Entscheidung! Es ist eine Weile her, dass mich Gegenwartsliteratur so nachdenklich zurück gelassen hat. Es beginnt bei der Thematik, welche für die amerikanische Gegenwartsliteratur sehr ungewöhnlich ist: die USA nach dem Untergang der menschlichen Zivilisation. McCarthy läßt die Ursachen dafür im Dunkeln, aber die Symptome deuten deutlich auf ein Szenario nach einem Atomkrieg hin. Ein Vater schlägt sich mit seinem kleinen Jungen durch diese postapokalyptische Welt in einem permanenten Überlebenskampf. Angesichts dieses pathetischen Settings ist man schon nach wenigen Seiten fasziniert, wie effektiv McCarthy seine Leser in diese Welt transferiert. Der Identifikationsfaktor ist hoch und man entwickelt ein starkes Interesse am (Über)leben der beiden Protagonisten.

Das Buch entfaltet ein großen Assoziationsraum. Angesichts des eigentlich sinnlosen Ziels der Reise, die Küste, denkt man an Beckett. Die nüchterne Schilderung grotesk-grausamer Situation führt gedanklich zu Kafka. An dem brutalen Überlebenskampf hätte Thomas Hobbes sein „homo homini lupus“ adäquat illustriert gefunden. McCarthy schreibt eine klare, leicht archaisch wirkende Prosa mit Anklängen an die Sprache der Bibel.

Nach der bisherigen Beschreibung könnte man annehmen, es handelt sich bei „The Road“ um ein abgrundtief schwarzes Buch. Der Autor setzt aber so effektiv die aufopferungsvolle Liebe von Vater und Sohn gegen diese Lebenshölle, dass sich ein strukturell ausgezeichnet funktionierender Kontrast ergibt. Diese Opposition liegt dem Funktionieren des Romans zugrunde und trägt ihn sowohl inhaltlich als formal.

Diese Konstellation lädt das Buch implizit mit einer religiösen Thematik auf. Deshalb läuft die Handlung auf eine Art „happy end“ hinaus (soweit man in einem nuklearen Winter davon reden kann). Das halte ich für den größten Schwachpunkt dieses ungewöhnlichen Buches. Es wäre glaubwürdiger gewesen, das Buch ohne jegliche Hoffnung enden zu lassen. Aber dazu ist McCarthy wohl ein zu religiöser Mensch.

Cormac McCarthy: The Road (Vintage Paperback)

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„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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