Plato: Der Staat. Drittes Buch (2.)

Der Staat (Meiner, Philosophische Bibliothek Bd. 80; Amazon Partnerlink)

In diesem Teil des Werks findet man die Fortsetzung der berüchtigten Forderung nach Zensur im literarischen Bereich. Zugespitzt könnte man sagen, dass Platos totalitäres Programm hier besonders augenscheinlich wird. Von der Voraussetzung ausgehend, dass erstens adäquate Erziehung nicht nur für die elitäre Klasse der Wächter maßgeblich zum Erfolg seines idealen Staatwesens beiträgt, und zweitens Erziehung zu einem großen Teil aus Nachahmung besteht, will er schlechte Einflüsse verbieten. Dieses Argument unterscheidet sich im Prinzip nicht von dem, was konservative Politiker heute fordern. Will man in der Gegenwart Kinder vor „Killerspielen“ oder schlechten Einflüssen aus dem Internet schützen, will Plato die Kinder seines Staates vor nicht nachahmenswerten mythologischen Geschichten schützen. Sogar Homer wird von der Kritik nicht ausgenommen, stellt er doch die Götter sehr oft unwürdig (von Leidenschaften beherrscht) vor.

Darum müssen wir solchen Erzählungen den Abschied geben, auf daß sie unseren Jünglingen nicht den ungehemmten Trieb zur Schlechtigkeit erzeugen. [392]

Auch „schlechte“ musikalische Stile darf es in Platos Staat nicht geben, da Musik direkt das Seelenleben beeinflusse.

Im Zentrum des dritten Buches steht auch die Frage nach dem Umgang mit der Wahrheit in der Politik. Plato argumentiert hier sehr autoritär. Nachdem er (mythologisch begründet) seine Gesellschaft in drei verschiedene Klassen einteilt (solche mit goldenen, silbernen, bronzenen „Seelen“), rechtfertigt er „noble Lügen“ aus utilitaristischem Blickwinkel: Es nütze dem Staat insgesamt und damit auch ihren Mitgliedern, wenn entsprechende „Wahrheitspolitik“ betrieben wird.

Plato errichtet hier ein präfaschistoides Staatswesen mit einer Klassengesellschaft und einer ausgeprägten Medienpolitik. Interessant finde ich daran vor allem, dass sich dieser elaborierte Totalitarismus bereits so früh geistesgeschichtlich expliziert findet, und dass hier zahlreiche Fragen zum ersten Mal systematisch behandelt werden, welche bis heute die Diskussion bestimmen (Zensur und Medien, Erziehung, Nature/Nurture …). Bemerkenswert auch, wie schnell die Wahrheit einem angeblich höherwertigen Gut geopfert wird, speziell wenn man an das skeptische Wahrheitspathos vieler platonischer Dialoge denkt.

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„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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