Rabelais: Gargantua und Pantagruel (2)

Das vierte und fünfte Buch der Reihe bestätigt den bereits beschriebenen Leseeindruck: „Gargantua und Pantagruel“ gehört ohne Zweifel zu den ungewöhnlichsten Werken der Weltliteratur. Das liegt vor allem an der Divergenz der unterschiedlichen Ebenen, von der obszönen Burleske über satirische Passagen hin zu frühhumanistischen Abhandlungen.

War das dritte und geistesgeschichtlich interessanteste Buch der Reihe vor allem eine groteske Überspitzung spätscholastischer Methoden, wechselt Rabalais im vierten den Schwerpunkt in Richtung des beliebten Abenteuer- und Seefahrergenres. Im Mittelpunkt der Handlung steht die Schifffahrt zum Orakel der „Göttlichen Flasche“, von dem sich Panurg endgültigen Aufschluss darüber erhofft, ob er in den Ehestand treten soll. Genretypisch wird die Fahrt durch regelmäßige Besuche seltsamer Inseln mit noch seltsameren Bewohnern unterbrochen. Diese Landausflüge nutzt Rabelais überwiegend zu satirischen Zwecken, wo einmal mehr religiöser Fanatismus (Isle de Papimanes) kritisiert wird.

Höhepunkt des fünften Buches ist dessen Ende, als die Reisegruppe doch noch das Orakel erreicht. Es antwortet Panurg auf seine Frage mit einem deutschen „Trinch“. Die Urheberschaft des letzten Teils der Reihe wird in der Foschung debattiert. Da es erst elf Jahre nach dem Tod des Autors erschien, zweifeln einige die (alleinige) Autorenschaft Rabelais‘ an.

Zwar habe ich nur kurz einen Blick auf die Rabelais-Forschung geworfen, das Ergebnis ist aber literaturwissenschaftlich aufschlussreich. Ähnlich wie im Fall Kafkas führt die Ambivalenz dieser Bücher dazu, dass sich oft konträre Deutungen gegenüberstehen, ganz so als sei die klassische Hermeneutik nicht längst in eine methodische Sackgasse gelangt. Man sollte (wie auch im Falle Kafkas) versuchen zu verstehen, wie das Werk formal und strukturell funktioniert. Dann könnte man die „Lesermanipulationsstrategie“ des raffinierten Rabelais aufdecken, anstatt auf sie hereinzufallen.

Rabelais: Gargantua und Pantagruel (Zweitausendeins)

Zum ersten Teil

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„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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