Reise-Notizen: China (7) und Ende

Will man etwas über den Alltag der Chinesen erfahren, reicht es keinesfalls die klassische touristische Route (Peking, Xian, Guilin, Shanghai) zu bereisen. Deshalb entschieden wir uns für eine vielstündige Fahrt in die nordöstliche Gegend von Peking, sowie für einen knapp einwöchigen Besuch der Provinz Shanxi (nicht zu verwechseln mit Shaanxi weiter südlich), sieben Zugstunden westlich von der Hauptstadt gelegen.

Neben der Landwirtschaft ist die wichtigste Branche dort der Kohleabbau, und eine Reihe der berüchtigten Bergwerksunglücke mit vielen Toten fanden in Shanxi statt. Schon auf der Zugfahrt von Peking nach Datong (in der ersten von vier (!) Klassen) hatte man teilweise gespenstische Szenerien vor Augen: Man fährt auf dem Lößplateau, das der Landschaft eine dreckiggelbe Grundfarbe gibt. Davor türmen sich Kohleberge, alte durchgerostete Krananlagen und jämmerliche Blechhüten. Man stelle sich das in großen Dimensionen und mit schwarzem, klebrigem Kohlestaub bedeckt vor. Mich erinnerte dieser düstere Landstrich an die apokalyptischen Schilderungen des Wolfgang Hilbig und auch in der folgenden Woche kamen mir regelmäßig Beschreibungen des frühindustriellen Englands durch Charles Dickens in den Sinn.

Zwischen diesen noch im Gebrauch befindlichen musealen Industrieparks finden sich immer wieder futuristisch wirkende, hochmoderne Anlagen wie aus einem Prospekt in die chinesische Provinz verpflanzt, und geben ein groteskes Sinnbild über die Unterschiede zwischen dem alten und dem neuen China ab.
Dieser staub trockenen Erde versuchen Bauern mit einfachsten Mitteln eine Ernte abzuringen. Die Dörfer bestehen vielerorts noch aus armseligen Lehmhütten, Müll aller Art ist allgegenwärtig. Viele hunderte Kilometer legten wir durch den Norden Shanxis zurück und nie habe ich etwas besser verstanden, als dass die jungen Menschen dieser Region in Scharen in die Städte abwandern. Selbst das Los eines Wanderarbeiters wird vor diesem Hintergrund sehr erstrebenswert.

Zwei Wochen später stand ich, diese Bilder immer noch im Kopf, am Bund in Shanghai vor der berühmten nächtlichen Skyline. Böse Zungen behaupten ja, dass China nicht nur Papier und Schwarzpulver, sondern auch den Kitsch erfunden hätte. Angesichts dieser bunten, aber doch seltsam stimmig wirkenden Disneywelt in den chinesischen Städten, ist man fast geneigt, dem zuzustimmen. Dieser ungeheuerliche Kontrast zwischen staubigen Lehmhütten und futuristischen Wolkenkratzern zeigt die Herausforderung, vor der China in den nächsten Jahrzehnten steht, wohl am Augenscheinlichsten.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

  • RSS Feed for Posts
  • RSS Feed for Comments
  • Twitter
  • XING
  • Facebook

Kategorien

„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

Aktuell in Arbeit

Tweets