Reise-Notizen: China (5)

Mich im Gewirr der Bodhisattvas ikonographisch zu Recht zu finden, gab ich schnell auf. So war es ein Trost, eine junge Chinesin zu beobachten, die unbedingt zu einem bestimmten dieser hilfreichen Geister beten wollte, und etwas ratlos vor den verschiedenen Figuren stand. Sie musste sich erst beim diensthabenden Mönch erkundigen, wen sie eigentlich anbeten sollte. Eine erfrischend pragmatische Vorgehensweise. Diese Lebensnähe kann man auch einer religiösen Zeremonie nicht absprechen, an der ich am anderen Ende des Tals als Besucher teilnahm. Mehrere Familien hatten Mönche mit einem „Ahnen-Gottesdienst“ beauftragt. Die Mönche saßen in einem offenen Viereck und lasen ihre Mantras. Die Gläubigen gingen, jeder mit einem Stapel Geldscheine in der Hand, langsam von Mönch zu Mönch und legten einen dieser Scheine vor einem Mönch nieder. Danach beugte man sich vor und empfing den Segen mit Hilfe der Schriftrolle aus der vorgelesen wurde. Nach kurzer Zeit stapelten sich vor den meisten Mönchen hübsche Stapel mit Banknoten. Als ich meiner Verblüffung ob dieser vergleichsweise schamlosen Umwandlung von Geld in Segen Ausdruck verlieh, wurde mir bedeutet, dass es sich dabei quasi nur um Trinkgelder handele und schon die Veranstaltung an sich ein großes Preisschild trüge. Auf dem Weg zum Wutaishan sollte man auf keinen Fall die Yunggang Grotten bei Datong versäumen. Nach dem barbarischen Bildersturm der Taliban in Afghanistan, findet man dort die besterhaltenen buddhistischen Grotten aus dem 5. Jahrhundert. In vielen Höhlen finden sich zehntausende an Buddhafiguren, von zwei Zentimetern bis 17 Meter Höhe. Die Ausschmückung der Höhlen ist mit großer Meisterschaft ins Werk gesetzt worden und man stößt sogar auf europäische Einflüsse in der Bildsprache.

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„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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