Complicite: A Disappearing Number

Wiener Festwochen 31.5.
Konzept und Inszenierung: Simon McBurney
Musik: Nitin Sawhney
Mit: David Annen, Firdous Bamji, Paul Bhattacharjee, Hiren Chate, Divya Kasturi, Simon Pandya, Saskia Reeves, Shane Shambhu

Sehr gespannt ging ich in diese Produktion der britischen Theatergruppe Complicite (Leitung: Simon McBurney), sollte doch nichts weniger als Mathematik auf die Bühne gebracht werden. Thema des Abends war das Leben des indischen Mathematikers Srinivasa A. Ramanujan, den viele Kenner der Materie für einen der herausragendsten Köpfe seines Faches halten, und dessen abenteuerliche Biographie durchaus bühnentauglich ist.

Der Abend beginnt denn auch mit einer fiktiven Mathematikvorlesung, die am Ende der Szene allerdings durch einen der Schauspieler witzig als Theater „entlarvt“ wird. Dramaturgisch erinnerte das weniger an Brecht als an Monty Pythons „Flying Circus“, wo Humor auch regelmäßig durch einen Schwenk auf die Metaebene hergestellt wird. Diese klassisch britische Ästethik wird aber nicht beibehalten: Die Regie setzt auf ein sehr avanciertes Illusionstheater wobei Mittel der TV- und Filmästhetik oft zum Einsatz kommen (schnelle Schnitte zwischen verschiedenen Erzählebenen, Videoprojektionen, „Filmmusik“). Die dadurch erreichten theatralischen Bildeffekte sind frappant. Die bis an die Grenzen geforderte Bühnentechnik wird mit einer Leichtigkeit und Präzision eingesetzt, von der sich alle Wiener Theater mehrere Scheiben abschneiden könnten.

Nun hat diese Furiosität den Nachteil, dass die Vielzahl der (guten) Einfälle eine so hohe semantische Dichte erzeugen, dass man diese Inszenierung mehrmals sehen müsste, um ihr gerecht zu werden. Es regt sich auch der (leise) Verdacht, dass dieser Aufwand dazu dient, das Publikum angesichts der komplexen behandelten Themen bei Laune zu halten.

Diese Form des Theater bewegt sich weit von der klassischen Ausprägung der Kunstform weg, wo man auf die Bühnenpräsenz einiger Schauspieler und das Wort vertraut. Dies wird aber so überzeugend praktiziert, dass man diese Inszenierung nur als sehr gelungen bezeichnen kann.

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"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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