Reise-Notizen: China (2)

Die in den westlichen Industrieländern so gefürchteten Niedriglöhne manifestieren sich dem Reisenden in Form einer Fülle von dienstleistenden Menschen. In jedem Hotel, in jedem Restaurant, in jedem Bus und jedem Zug, am Bahnhof und am Flughafen, gibt es unzählige Angestellte.

Im Pekinger Capital Hotel, in dem sich die Aufzüge in Oxford-Englisch bei den Gästen nach jeder Fahrt bedanken, scheinen Menschen nur dazu angestellt zu sein, um den werten Reisenden etwa mit einem nachdrücklichen „Sir, please watch your step“ vor den Gefahren einer tückischen Stufe zu warnen. Am zweiten Abend klopfte es an die Tür meines Hotelzimmers. Drei verlegene junge Männer standen vor mir und redeten gestikulierend auf mich ein. Nach einiger Zeit verstand ich deren Aufgabe: Sie ziehen jeden Abend zu Dritt von Zimmer zu Zimmer, um nichts anderes zu tun als die Vorhänge zu schließen und die Betten aufzudecken. Am Flughafen geht die Bordkarte statt durch eine durch mindestens drei Hände, nicht ohne jedes Mal abgestempelt oder abgerissen zu werden. In guten Restaurants stehen nicht nur junge Männer auf den Toiletten, um den Gästen Seife und Handtücher zu reichen, man findet auch bis zu vier junge Damen am Ausgang des Lokals, von denen nichts anderes verlangt wird, als die Gäste freundlich zu verabschieden.

Kurz, man sieht die Verlängerung der Billiglöhne in den Fabriken auch auf Schritt und Tritt im Dienstleistungssektor. Durch die westliche Brille betrachtet, ist das extrem ineffizient, reduziert aber sicher effektiv die Arbeitslosigkeit (zu Hungerlöhnen, versteht sich).

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„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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