Claudia Ott (Hrsg.): Tausendundeine Nacht (1)

Im Rahmen meiner Bemühungen, die einflussreichsten Bücher der Weltliteratur zu lesen, stand diese berühmte arabische Märchensammlung seit langem auf meiner Wunschliste, zumal Claudia Otts neue Übersetzung der ältesten arabischen Handschrift (in der Ausgabe von Muhsin Mahdi) eine günstige Gelegenheit bietet.

Nach Lektüre des halben Buches bietet sich ein Zwischenfazit an. Dieses fällt ausgesprochen positiv aus. Nicht nur ist die Lektüre der Geschichten in hohem Grad vergnüglich aufgrund deren Originalität und Einfallsreichtum. Auch das Wiedererkennen zahlreicher klassischer literarischer Motive (und Handlungsstrukturen) oder die erfrischende Buntheit des orientalischen Lebens reicht als Erklärung der erfreulichen Lektüre nicht aus. Faszinierend finde ich vor allem die Komplexität der narrativen Verschachtelung: Es gibt Geschichten innerhalb Geschichten von Geschichten, deren Ebenen virtuos miteinander kombiniert werden. In der europäischen Literatur müsste man um die Mitte des 15. Jahrhunderts lange (und vergeblich) suchen, um eine derartige erzählerische Kunstfertigkeit zu finden. Die zum Teil deutlich späteren frühneuhochdeutschen Prosaromane dagegen sind „handwerklich“ plump angelegt, wobei man mit solchen interkulturellen Vergleichen natürlich vorsichtig sein muss.

Diese Technik der Verklammerung in „Tausendundeine Nacht“ ist außerordentlich und macht die Lektüre auch zu einem intellektuellen Vergnügen, da der formale Abwechslungsreichtum zur Unterhaltung beiträgt und man auf neue Varianten dieser Technik immer gespannt ist.
Selbst wenn einmal vergleichsweise linear erzählt wird, steckt so viel Stoff in wenigen Seiten, dass man diese zu längeren Erzählungen (oder gar Romane) ausbauen könnte. Die 72. bis 101. Nacht umspannt etwa mehrere Generationen und wäre ein gutes Beispiel für diese Art der Verdichtung.

Zum zweiten Teil

Claudia Ott (Hrsg.) Tausendundeine Nacht (C.H. Beck)

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„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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