Reise-Notizen: China (1)

Man mag sich noch so ausführlich auf ein fremdes Land vorbereiten, viele Bücher und ungezählte Artikel lesen, sich mit Experten und „Experten“ im Vorfeld austauschen, Dokumentationen ansehen und Recherchen betreiben: Man gewinnt medial selbst bei beachtlichem Aufwand kein Bild, das den Eindrücken vor Ort stand halten könnte. Meine knapp dreiwöchige Reise begann Anfang April in Peking, führte von dort in die Provinz Shanxi (Hauptstadt: Taiyuan) und endete nach den Stationen Xian und Guilin in Shanghai. Eine meiner vielen Erwartungen war, dass das totalitäre System in China direkt im Alltag der Menschen beobachtbar sein müsste. Weit gefehlt! Die Menschen nehmen auch bei politischen Fragen kein Blatt vor den Mund. Selbst bei klassischen Tabuthemen kommt anscheinend kaum jemand auf die Idee, seine Stimme zu senken, oder sich vorher umzusehen, wer gerade zuhört. So warf kurz nach meiner Ankunft in Peking bereits der lokale Guide am Tian’anmen-Platz meine Vorurteile über den Haufen, indem er offen von den Studentenprotesten und Falun Gong sprach. Ich bemerkte auch nur wenig Polizei und Militär auf der Straße. Sieht man allerdings wie fluchtartig ein kleiner Bettlerjunge, der sein Skateboard als Rollstuhl gebrauchte, verschwand, als ihm ein Polizist nur einen Blick zuwarf, wird der Respekt vor den „Ordnungskräften“ am Detail offenbar. Auch die Sicherheitskontrollen bei der Ein- und Ausreise waren kaum zu bemerken, kein Vergleich zu den Schikanen wie ich sie in Israel oder den USA beobachten konnte.

Vor dem Hintergrund der gut dokumentierten Verfolgung von Dissidenten diverser Couleur, spricht dies für eine sehr differenzierte Vorgehensweise der Sicherheitskräfte. Man schlägt zu, sobald es für die Machthaber gefährlich werden könnte, belästigt die Bevölkerung aber nicht mit einem enormen Spitzelapparat. Zusätzlich hatte ich bei meinen Gesprächen nicht den Eindruck, dass politische Rechte bei den Menschen eine große Rolle spielen. An erster Stelle stehen nach wie vor ein menschenwürdiger Lebensstandard und eine gesicherte Zukunft für die Kinder.

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„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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