Konfuzius: Gespräche

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Für einen abendländisch sozialisierten Leser ist es nicht einfach, sich auf komplett fremdes Terrain zu begeben. Die Gefahr ist groß, dass man zu schnell europäische philosophische Konzepte über die chinesische Philosophie stülpt. Wenn man kein Chinesisch lesen kann, ist man auf Übersetzungen angewiesen. Die Übersetzer müssen mangels Alternativen auf europäische philosophische Begriffe zurückgreifen, die potenziell wieder falsche Vorstellungen vermitteln.
Auf der anderen Seite sind auch unsere alten Bücher kulturell „fremd“ in verschiedenen Graden, so das man als Freund alter Bücher eine gewisse Routine in Sachen Objektivierung mitbringt. Der Titel „Gespräche“ ist insofern irreführend als es sich um keine längeren Dialoge handelt, wie man das beispielsweise von Platon kennt. Die kurzen Abschnitte sind mehr anekdotisch und beschränken sich oft auf die Beantwortung einer einzigen Frage. Umfangreichere Gedankengebäude können so naturgemäß nicht errichtet werden, auch wenn sich die vielen Teile implizit zu einem Gesamtbild formen lassen. Diese „Formung“ hat die chinesischen Gelehrten über Jahrhunderte beschäftigt.

Liest man nun Konfuzius mit europäischen Augen, tritt einem eine seltsame Mischung aus Vertrautem und Fremdem entgegen. Vertraut ist beispielsweise das Bildungsethos: Lernen und Bildung wird ständig gepriesen. Das Ziel der ethischen Vervollkommung ist uns ebenfalls bekannt. Dagegen wirkt der strikte Konservatismus ungewohnt: Konfuzius will die Welt „erlösen“, indem Kultur & Rituale alter chinesischer Dynastien wieder belebt werden. Sein Blick ist ausschliesslich rückwärtsgewandt. Nimmt man noch die Hochschätzung sozialer Loyalitäten hinzu, speziell zur Familie und zum Herrscher, hat man eine sehr konservative Gesellschaftsvorstellung. Einschränkend sei hinzugefügt, dass die Loyalität zum Herrscher nur dann verpflichtend ist, wenn es sich um einen guten Vertreter der Spezies handelt. Regiert er schlecht, wird Rebellion zur Pflicht. Zahlreiche Aufstände in der chinesischen Geschichte belegen die Wirkung dieser Doktrin. Die europäische Absolutismusvorstellung, der König sei als Gottes Stellvertreter auf Erden immer und unter allen Umständen unantastbar, war deutlich rigider und weniger untertanenfreundlich.

Nun könnte man einwenden, dass es auch in der antiken Philosophie extrem konservative Vorstellungen gab, etwa Platons unsympathischen Idealstaat mit dem verglichen die Utopie des Konfuzius‘ vergleichsweise „liberal“ sei. Hier würde ich einwenden, dass man die Denkmethoden nicht vernachlässigen darf. Platon kommt zu seiner Staats“utopie“ durch das rigorse rationale Durchspielen einer Reihe von Prämissen, die er bis zur letzten Konsequenz denkt. Man könnte es als „Denkexperiment“ bezeichnen, das er zur Diskussion stellt. Dafür sprechen sowohl kritische Reflexionen innerhalb des „Staates“ als auch die Korrektur vieler Positionen in den Dialogen über die Zeit hinweg. Platons Sokrates war ein Aufklärer, dessen ständiges Hinterfragen von allen gesellschaftlichen Grundlagen ihm schließlich „als Verderber der Jugend“ den Schierlingsbecher eingebracht hat. Konfuzius hatte meinem Eindruck nach weniger im Sinn, seine Schüler zum freien Nachdenken anzuhalten, als sie zur „Entdeckung“ seiner konservativen Wahrheiten zu bringen. Ethische Erkenntnisse vermutlich ausgenommen.

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„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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