Ian Buruma: Murder in Amsterdam

Untertitel: „The Death of Theo Van Gogh and the Limits of Tolerance“ (Atlantic Books, Amazon Partnerlink)

Ian Buruma muss man nicht vorstellen. Durch zahlreiche Bücher und Artikel, nicht zuletzt in der „New York Review of Books“, etablierte er sich als intellektueller Publizist zum Thema Asien. Vater Niederländer, Mutter Engländerin, Studium in Tokio: Buruma darf sich mit dem Prädikat „multikulturell“ schmücken.

Diese Sensibilität prädestiniert ihn geradezu, ein Buch zum Thema Islam in Europa zu schreiben. In Zeiten des fröhlichen Schwarz-Weiss-Malens freut man sich über differenzierte Stimmen. Nach mehr als 25 Jahren Abwesenheit kehrte Buruma in die Niederlande zurück, um die Ermordung Theo Van Goghs durch Mohammed Bouvery journalistisch aufzuarbeiten. Er führte eine Fülle von Gesprächen mit dem Umfeld des Opfers und des Täters, mit Intellektuellen, mit Vertretern der islamischen Gemeinde, mit Politikern und vielen Niederländern. Das Ergebnis ist dichtes, gut lesbares Buch angesiedelt zwischen Reportage, Analyse und Reflexion. Der Autor hält sich mit expliziten Wertungen zurück, auch wenn er keinen Zweifel daran läßt, dass ihm Extremismen auf allen Seiten zuwider sind. Er plädiert allerdings stärker für Toleranz als andere in der laufenden Debatte:

How could one not be on the side of Frits Bolkestein, or Afshin Ellian, or Ayaan Hirsi Ali? But a closer look reveals fissures that are less straightforward. People come to the struggle for Enlightenment values from very different angles, and even when they find common ground, their aims my be less than enlightened. (S. 31)

In der Tat fällt auf, dass auch im deutschsprachigen Raum seit der Islamdebatte plötzlich Konservative aller Couleur ständig von Aufklärung reden, der sie noch vor kurzem die Zersetzung traditioneller Werte vorzuwerfen pflegten. Ein besonders anschauliches Beispiel dieses teilweise paradox anmutenden Phänomens waren die Reaktionen auf die skandalöse „Idomeneo“-Absetzung in Berlin. Bekennende Hasser des Regietheaters, die sonst an Hans Neuenfels Inszenierungen kein gutes Haar lassen und den Untergang der Oper durch seinesgleichen herbeireden, traten plötzlich als wortgewaltige Verteidiger ausgerechnet dieser Inszenierung auf.

Obwohl Buruma naturgemäß den Islamismus ablehnt, ist er doch skeptisch, was die Rolle „des Islam“ bei den jüngsten Gewalttaten angeht. Immer wieder weist er auf die soziokulturellen Faktoren hin und stellt die Gewalt frustrierter junger Männer (leider ein zeitloses Phänomen) in diverse historische Kontexte. Die entscheidende Frage rund um den Tod Van Goghs ist für ihn:

Why did a young man, who was neither poor nor oppressed, who had received a decent education, a man who never had trouble making friends, who enjoyed smoking dope and drinking beer, why should such a man turn into a holy warrior whose only wish to kill, and perhaps more myterioulsy, to die? [S. 192]

Manche Antwort dazu liefert die Rekonstruktion der Täterbiographie in diesem sehr lesenswerten Buch. Nebenbei bekommt man noch kluge Portraits von Ayaan Hirsi Ali, dem ermordeten Populisten Pim Fortuyn sowie einiges an niederländischer Geschichte und Politik geboten.

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„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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