Empfehlungen: New York Review of Books

Gäbe es eine platonische Idee für „Zeitschrift“, käme die NYRB diesem Ideal wohl ziemlich nahe. Seit etwa 10 Jahren versäume ich keine Ausgabe, und diese Lektüre hat sich inzwischen zu einer unverzichtbaren intellektuellen Grundversorgung entwickelt.

Die zwanzig Ausgaben pro Jahr ergeben einen ausgezeichneten Überblick zu sehr vielen Fachgebieten. Die Artikel sind von bewährten Fachleuten verfasst und überschreiten das Genre der Rezension in mehrerer Hinsicht: Es werden nicht nur neue Bücher vorgestellt, sondern meist auch ein Überblick über den aktuellen Diskussionsstand eines Fachgebiets gegeben. Das setzt natürlich eine entsprechende Textlänge voraus. Die NYRB ist das Gegenmittel zur weit verbreiteten Häppchenpublizistik. Darüberhinaus wird man mit der fundierten Meinung des Verfassers zu einem Thema konfrontiert. Man „erspart“ sich dadurch oft die Lektüre vieler Bücher, und wer hat schon Zeit regelmäßig Neuerscheinungen über die Renaissance, die Klimaforschung, Sklaverei in den USA, Biographien über viele Klassiker, den Irakkrieg oder Musikgeschichte zu lesen? Als zusätzlichen Service bekommt man eine Menge Verlagsanzeigen über neue Bücher ins Haus, inserieren in der NYRB doch nicht nur alle führenden „University Presses“.

Analytische und investigative Artikel zu politischen und wirtschaftlichen Angelegenheiten runden die NYRB ab. Die Blattlinie ist in jeder Hinsicht der Aufklärung verpflichtet und läßt sich wohl am besten mit linksliberal beschreiben. Postmoderne Dampfplauderein sucht man auf den Seiten der NYRB (anders als z.B. in der „London Review of Books“) vergeblich. Das passte auch schlecht zur klassischen Gelehrsamkeit der meisten Texte. Die sonst übliche Kluft zwischen Geistes- und Naturwissenschaften kann man ebenfalls nicht konstatieren.

Die NYRB hat eine Reihe von Stammautoren (20-30), die sich regelmäßig zu Wort melden. Diese schreiben nicht nur vorzügliche Artikel, sondern veröffentlichen auch regelmäßig Bücher. Man rutscht auf diese Weise lesend in eine Gemeinschaft vorzüglicher Sach- und Fachbuchautoren hinein, ein angenehmer Nebeneffekt.

Viele Jahre wurde die NYRB von Mäzenen aus New York am Leben erhalten. Seit längerer Zeit trägt sich das Projekt selbst (Auflage jenseits der 100.000 weltweit). Die besten europäischen Zeitschriften („Lettre“, „Merkur“…) bringen regelmäßig übersetzte NYRB-Artikel. Warum nicht gleich das Original lesen? Abonnements gibt es hier.

[Hier ein weiterer kurzer Text über die NYRB, zuerst publiziert auf koellerer.de]

Entdeckt habe ich die NYRB erst ziemlich spät, 1996 um genau zu sein. Meiner Meinung nach handelt es sich weltweit um die beste Zeitschrift zu intellektuellen Themen, im deutschsprachigen Raum gibt es leider nichts vergleichbares. Ansatzweise die eine oder andere Buch-Zeitschrift. Aber halb- oder vierteljährliche Erscheinungstermine, können mit den 20 NYRB-Ausgaben nicht konkurrieren.

Dabei ist das Rezept denkbar einfach: Man nehme die besten Fachleute zu einem Thema, gebe ihnen viel Platz, und mache keinerlei Kompromisse bezüglich der Qualität. Die meisten Artikel beschäftigen sich mit einem oder mehreren Büchern. Diese sind aber meist nur der Ausgangspunkt für eine intensive und kompetente Auseinandersetzung mit dem jeweiligen Fachgebiet. Nach der Lektüre weiß man nicht nur vieles über die Neuerscheinung, sondern ist allgemein über die aktuelle Forschung darüber orientiert.

Die Themenführerschaft der NYRB erschließt sich regelmäßigen Lesern dadurch, dass nicht selten längere Zeit nach Erscheinen, bestimmte Themen in den deutschsprachigen Feuilletons auftauchen, oft auch mit expliziter Bezugnahme.

Das Themenspektrum ist weit, Naturwissenschaftler kommen ebenso zu Wort wie politische Publizisten. Der Schwerpunkt liegt jedoch auf diversen (hoch)kulturellen Themen.

5 Antworten auf Empfehlungen: New York Review of Books

  • chepedaja sagt:

    Bei mir gilt alles analog zum Presse – Spectrum.

  • Bettina Roth sagt:

    Hallo, [direkte Anrede vermeidend da ich wirklich nicht weiß, ob ich Duzen oder Siezen soll ;) ]

    vielen Dank für den NYRB-Hinweis! Ich habe relativ lange nach einer Zeitschrift gesucht, die genau so ist wie die NYRB – sowohl fachlich als auch sprachlich gute Artikel, und genau die richtige Bandbreite an Themen :)

    Noch eine Ergänzung: es gibt inzwischen einige Webseiten wie Readability (http://www.readability.com , mit einem sympathischen Sessel-Icon), mit denen man die Online-Artikel (auch) von der NYRB bequem archivieren und auf dem Smartphone, dem Tablet oder auch dem Kindle (!) unterwegs lesen kann. Es gibt zwar wohl noch ein paar Probleme mit dem Zugang zum Abonnentenbereich, aber da Readability nach eigener Aussage eng mit der NYRB zusammenarbeitet, könnte das Problem bald behoben sein.

    Je nach Nutzung von technischem Spielzeug kann es sich also lohnen, das Abo dann auf den günstigeren Onlinezugang umzustellen :)

    Viele Grüße
    Bettina

  • Stefan Strauss sagt:

    Guten Tag,

    Ist es möglich in Österreich / Wien Einzelausgaben der NYRB zu erwerben?
    Die Möglichkeiten zum Kauf die ich bisher finden konnte sind:
    -Print Abo über oben verlinkte Homepage
    -Einzelausgaben digital über Zinio kaufen.

    Kindle scheint nur in den USA zu funktionieren. Welche Möglichkeiten gibt es noch?

    Vielen Dank für ihre Tipps.

    • Der Preis für Einzelausgaben steht meiner Erfahrung nach in keinem Verhältnis zum Abopreis. Würde deshalb ein Abo bestellen. Habe die NYRB in Wien schon gesehen, z.B. beim Shakespeare-Bookshop in der Nähe der Rupertuskirche.

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„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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