Daniel C. Dennett: Breaking the Spell

Dennetts neues Buch nimmt sich einer der wichtigsten Fragen unserer Zeit an: Dem Umgang mit der Religion. Selbst wenn man das Thema persönlich bereits als „erledigt“ betrachtet, ist der zunehmende negative politische Einfluss der Religionen Besorgnis erregend. Während weltweit der religiöse Fanatismus blüht (nicht nur der Islamische!), faseln in Deutschland scheinheilige Politiker über den zu geringen strafrechtlichen Schutz des „Heiligen“.

Es scheint also dringend notwendig, möglichst viel über Religion zu wissen, damit man informierte Entscheidungen darüber treffen kann. Genau hier setzt Dennett an: Er trägt die wissenschaftlichen Erkenntnisse über Religion zusammen und präsentiert eine „Prototheorie“ wie man die Entstehung der Religion als natürliches Phänomen erklären könnte. Der Begriff „Prototheorie“ deutet es bereits an: Dennett geht die Angelegenheit intellektuell bescheiden an. Er weist immer wieder darauf hin, wie schlecht die Forschungslage bisher ist. Von einer wissenschaftlichen Theorie sei man noch weit entfernt. Seine Ausführungen seien nur eine erste Skizze, wie eine solche Theorie aussehen könnte. De facto schlägt der Philosoph mit „Breaking the Spell“ Art und Umfang eines Forschungsprogramms zum Thema vor.

Man kennt Dennett als eloquenten Vertreter des Darwinismus und so überrascht es nicht, dass er das Phänomen der Religion ebenfalls mit Hilfe der Evolutionstheorie analysiert. Er sieht Analogien z.B. zur Entstehung der Musik und bedient sich überzeugend der neueren Erkenntnisse der „evolutionary psychology“.

Bei einer Bewertung des Buches darf man das Zielpublikum des Philosophen nicht außer acht lassen. „Breaking the Spell“ richtet sich nicht primär an Gleichgesinnte, sondern auch an den religiösen „Durchschnittsamerikaner“. Deshalb ist fast ein Drittel der Studie der argumentativen Begründung der Untersuchung gewidmet. Für Menschen ohne Scheuklappen überflüssige Kapitel, aber angesichts der aufklärerischen Idee des Buches durchaus plausibel. Wen interessiert, wie eine echte Religionswissenschaft aussehen könnte, sollte zu dem Buch greifen.

Daniel C. Dennett: Breaking the Spell. Religion as a Natural Phenomenon.

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"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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