Bibliomane Betrachtungen (3)

Die Lektüre ist aber für mich, wie ich glaube, unbedingt notwendig: erstens, um mich nicht mit mir allein begnügen zu müssen, zweitens, um mit den Erkenntnissen anderer bekannt zu werden, drittens, damit ich mir über das, was sie herausgefunden haben, ein Urteil bilden und über die noch zu lösenden Fragen nachdenken kann.

(L. Annaeus Seneca)

Meine bisherigen Überlegungen haben eine Diskussion im (übrigens meist empfehlenswerten) Klassikerforum ausgelöst. Für mich steht also fest, dass der Lektüreschwerpunkt bei den Klassikern liegen muss. Ist aus Zeitknappheit eine Entscheidung notwendig, wird diese immer zugunsten der Alten gefällt. Selbstverständlich werde ich auch weiterhin aktuelle Autoren zu lesen, zumal ich inzwischen genügend Herausragende kenne, deren Bücher lohnen. Vermutlich macht es Sinn, sich bei vielen auf die Hauptwerke zu beschränken und nicht alles lesen zu wollen. Die Erfahrung zeigt doch sehr deutlich, dass viele gute Autoren nicht immer gute Bücher abliefern. Das gilt sinngemäß auch für Klassiker. Man denke nur an die fragwürdigeren Produktionen Goethes („Bürgergeneral“ und Co.). Insgesamt bin ich eher geneigt, einen Klassiker trotz dieser Einschränkungen komplett zu lesen als einen aktuellen Autor.

En passent sollte ich wohl einige Vertreter der Gegenwartsliteratur nennen, die ich besonders schätze. Dazu zählen (ohne jeden Anspruch auf Vollständigkeit und in zufälliger Reihenfolge): Thomas Bernhard, Elfriede Jelinek, Markus Werner, Agota Kristof, Wilhelm Genazino, Ian McEwan, John Updike, Philip Roth, Antonio Lobo Antunes, Paulus Hochgatterer …

Wenn ich nun ein hervorragendes Werk dieser Autoren nehme und mit einem der großen alten Bücher vergleiche (sagen wir: Aischylos‘ Orestie oder Dantes „Göttliche Komödie“ oder Cervantes „Don Quijote“), ist die Leseerfahrung bei den letzteren intellektuell und ästhetisch wesentlich zufriedenstellender. Woran mag das liegen? Die Qualität spielt hier sicher eine Rolle. Ich bin überzeugt, dass manche Bücher so gelungen sind, dass es über lange Zeiträume nur wenige von ihnen gibt.

Ebenso wichtig ist wohl die historische Differenz, die für mich immer einen Mehrwert darstellt, den ein neues Buch klarerweise entbehren muss. Faszinierend finde ich daran zweierlei: Zum einen sind diese Klassiker einmalige Gelegenheiten, etwas über die Vergangenheit zu erfahren. Von den oberflächlichen alltäglichen Unterschieden über gesellschaftliche Divergenzen bis hin zu mentalen Veränderungen. Zum anderen sind es die erstaunlichen Kontinuitäten: Je mehr alte Bücher ich lese, speziell aus der Antike, desto häufiger drängt sich der Eindruck auf, dass sich der Mensch in den letzten paar Jahrtausenden im anthropologischen Kern nicht verändert hat. Diese Beschreibung reduziert den komplexen Sachverhalt natürlich übergebührlich, beschreibt aber doch ausreichend, was mich an Klassikern vor allem reizt: Die Vergangenheit und die Natur des Menschen besser zu verstehen. Wenn das mit ästhetischem Vergnügen verbunden ist, desto besser.

Teil 4

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„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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