Igor Bauersima, Réjane Desvignes: Boulevard Sevastopol

Akademietheater 5.4.
Regie und Bühne: Igor Bauersima
Dascha Libgart Schwarz
Kurt Florentin Groll
Lev Markus Meyer
Anna Dorothee Hartinger
Larissa Alexandra Henkel
Pjotr Johannes Krisch
Georgij Juergen Maurer
Sveta Petra Morzé

Uraufführungen sind immer eine heikle Angelegenheit. Als Zuschauer kennt man das Stück (noch) nicht, was ein qualifiziertes Urteil erschwert. Löblicherweise enthält das Programmheft den kompletten Text. Erwähnenswert ist, dass Igor Bauersima Autor und Regisseur in Personalunion ist, weshalb sich die übliche Frage erübrigt, ob der Regisseur das Stück adäquat auf die Bühne bringt.
Inhaltlich entschieden sich die beiden Autoren für einen aktuellen Stoff: Eine Gruppe illegaler Einwanderer lebt in einem Haus in Wien zusammen, der Willkür eines Schleppers ausgesetzt. Geld wird mit den üblichen Tätigkeiten verdient, vom Putzen bis zur Pornographie. Das Stück führt anhand einer fiktiven Geschichte (Stück im Stück) das Leben und die Konflikte dieser Gruppe vor.

Stück im Stück? Es gibt zwei Handlungsebenen. Anna spinnt mit einem anonymen Internetverehrer eine Geschichte durch, die dann auf der Bühne auch gezeigt wird. Erzählung und gespielte Handlung wechseln sich ab, teilweise mit bewussten kurzen Überschneidungen. Diese fiktive Handlung erzählt den möglichen Verlauf des Abends mit diversen dramatischen Wendungen. Am Ende stellt sich heraus, dass der reale Abend doch vergleichsweise harmlos verlaufen ist.

Diese beiden Ebenen sind handwerklich durchaus gekonnt verknüpft. Theatermittel werden effektiv eingesetzt, kurz die beiden Autoren verstehen sich auf ihr Geschäft. Das Ergebnis ist ästhetisch aber zu glatt, formale Abwechslung als Auflockerung fehlt.
Allerdings rechtfertigt die Substanz des Stücks diesen Aufwand keineswegs. Die Figuren wirken teilweise sehr klischeehaft, da hilft auch die fabelhafte Besetzung nichts. So ist das Stück zwar besser als das blutarme „Bérénice de Molière“, aber dennoch weit von einem großen Wurf entfernt.

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„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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