Reise-Notizen Israel (4): Moscheen und Wüste

Jerusalem gilt im Islam (nach Mekka und Medina) als die drittheiligste Stadt und ist damit selbstverständlich auch das religiöse Zentrum der Muslime in Israel. Den Tempelberg mit dem Felsendom und der Al Aqsa Moschee sollte man auf keinem Fall versäumen, auch wenn man letztere seit Ausbruch der zweiten Intifada nicht mehr besichtigen kann. Man sieht aber auch sonst viele Moscheen im Land. Auf den ersten und zweiten Blick wirkt es so, als lebten Juden und Moslems im Kernland durchaus friedlich miteinander. Die größte arabische Stadt ist Nazareth mit knapp 65.000 Einwohner, von denen etwa ein Drittel Christen sind. Es gab einige Initiativen, Araber mit israelischen Pässen eine Umsiedlung in die Palästinesergebiete schmackhaft zu machen. Die Resonanz war denkbar gering. Wer vertauscht schon freiwillig ein Leben in (nach Maßstäben der Region) Freiheit und Wohlstand mit dem in einem „Entwicklungsland“ wie dem Gazastreifen?

Israel ist ein kleines Land. Keine 400km lang und an höchstens 60km breit. In sechs Stunden kann mal also unter Einhaltung des Tempolimits von 90 km/h vom nördlichsten zum südlichsten Punkt fahren. Kurz, Israel ist geographisch belanglos und seine Größe indirekt proportional zur Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit. Zu allem Überfluss werden sechzig Prozent der Fläche auch noch von der Negev Wüste eingenommen, in der nur zehn Prozent der Bevölkerung lebt. Trotz diverser Bemühungen, diese Landschaft ökonomisch zu nutzen, bleibt sie weitgehend der Armee vorbehalten, nebst Touristen versteht sich. Angesichts der Schönheit dieser Wüste, ist es sicher ein kluger Schachzug, auf Wüstentourismus zu setzen. Persönlich zählt dieser Landschaftstyp zu meinen Favoriten, gaukelt er doch weniger als andere die Natur als antiurbane Utopie vor. Rousseau in der Wüste spazierend und vom edlen Naturmenschen träumend ist schwer vorstellbar. Gleichzeitig bieten sich neben der Weite eine Fülle von bizzaren geologischen Formationen, manche eine halbe Milliarde Jahre alt.

Der Timna Park kurz vor Eilat wäre so ein Beispiel, wo man gut ausgeschildert seine geologischen Kenntnisse auffrischen kann oder einfach die Ästhetik der erdgeschichtlichen Verwerfungen genießen. In Timna betrieben die Ägypter vor 3500 Jahren Kupferbergwerke, von denen sich einige archäologische Überreste finden. Der Versuch des modernen Israel, die Kupfervorkommen auszubeuten, musste man mangels Rentabilität schnell wieder eingestellen. Der Badeort Eilat am Roten Meer eignet sich nur für eine Übernachtung bei einer Fahrt durch die Wüste: Ein Tourismusort der schlimmsten Art.

Richtung Norden liegt ein weitere spektakulärer Wüstenort: Makthesch Ramon, der Ramonkrater. Ein riesiges in Millionen von Jahren durch Erosion entstandenes Tal, in dem ein geologischer Höhepunkt den nächsten jagt. Oberhalb liegt die Wüstenstadt Mizpe Ramon, soweit man bei 5000 Einwohnern von „Stadt“ sprechen will. Die Bewohner sind überwiegend konservative Juden, die in schön angelegten Siedlungen leben und sich vom Leben in der Wüste offenbar die Laune nicht verderben lassen. Leider konnte ich nicht in Erfahrung bringen, womit diese Haushalte ihren Lebensunterhalt bestreiten. Unwahrscheinlich, dass Israel dort 1500 Geologen beschäftigt :-)

Wer nach Israel fährt sollte sich unbedingt drei Tage Zeit für den Negev nehmen.

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„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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