Reise-Notizen Israel (2): Von Pilgern, Predigern und Petrus

Ist man auf den Spuren untergegangener Kulturen unterwegs, sagen wir der ägyptischen oder altgriechischen, hat das einen klaren Vorteil: Man begegnet in den Kultstätten keinen Vertretern dieser Religionen mehr und kann sich auf die Besichtigung konzentrieren.

Anders bei den christlichen Stätten in Israel, wo man immer Gefahr läuft, von ekstatischen Nonnen oder exzentrischen Laien überrannt zu werden. Nicht zu reden von herumpilgernden Bischöfen samt Anhang und anderen von der klerikalen Hierarchie bevorzugten Würdenträgern. Es gibt keine christliche Splittergruppe, die nicht vor Ort wäre. Man sieht alle denkbaren Trachten, vom Bischofsornat bis zur malerischen Uniform der Malteser Ritter (die gibt es tatsächlich noch).

Kurz, es ist mindestens ebenso interessant, die Pilger zu beobachten wie die antiken Stätten. Zumal viele der geographischen Referenzpunkte archäologisch nicht belegt sind. Nehmen wir beispielsweise die angebliche Stelle im Jordan, wo Jesus von Johannes getauft wurde. Diese liegt sehr günstig in der Nähe der Hotels beim See Genezareth und, wie es die göttliche Vorsehung wollte, auch an wichtigen Durchfahrtsstraßen. Naturgemäß weiß man nicht, wo (das ob sei einmal ausgeklammert) sich Jesus dieser Prozedur unterzog. Weshalb also nicht eine logistisch günstige Stelle nehmen? Vor Ort kann man sich dann gegen eine moderate Gebühr ein weißes Kleid ausleihen und sich in der schmutzigen Brühe des Jordans neu taufen lassen. Dieser berühmte Fluss gleicht, en passant bemerkt, mehr einem Bach als einem würdigen Strom, und dürfte für Semantiker ein problematisches Exempel der Abgrenzung zwischen „Fluss“ und „Bach“ darstellen. Man kann also die Enttäuschung Mark Twains nachvollziehen, der einen zweiten Mississipi erwartete und ein Rinnsal vorfand.

Rund um den See gibt es in Kafarnaum (Kefar Nahum) eine sehenswerte Ausgrabungsstätte. Es handelt sich um ein Fischerdorf aus neutestamentlicher Zeit. Die Strukturen der Wohnhäuser sind gut erkennbar. Daneben das (angebliche) Haus des Petrus, der bekanntlich sofort die Gelegenheit ergriff, seinen mühseligen Fischerberuf samt Familie zu verlassen, und sich aufs bequemere aposteln verlegte. Erwähnenswert auch die Überreste der alten Synagoge des Ortes, die als der älteste erhaltene Sakralbau dieser Art gilt.

Unweit davon, auf dem Hügel Schech‘ Ali (Berg der Seligpreisungen), dem legendären Ort der Bergpredigt, befindet sich die in den dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts von Antonio Baluzzi errichtete elegante Kirche. Innen sang, genauer schrie eine vermutlich südkoreanische Pilgergruppe, offenbar in der Annahme, im Himmel gäbe es keine Hörgeräte.

An Nazaret läßt sich schön eines der Prinzipien der historischen Jesusforschung zeigen. Es besagt, dass Überlieferungen, für deren Erfindung es keinen guten Grund gibt, mit höherer Wahrscheinlichkeit authentisch sind, als andere. Nazareth war zu Zeiten Jesus ein unbedeutendes Dorf, das im Alten Testament nicht erwähnt wird. Es gab also keinen ideologisch plausiblen Grund, Jesus ausgerechnet in diesem Kaff aufwachsen zu lassen. Zu sehen gibt es in Nazaret eine Reihe von Kirchen, die alle jüngeren Datums sind. So die große Verkündigungskirche, die 1969 von Giovanni Muzio fertiggestellt wurde.

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„Die Presse“ meint:

"Aber das Internet ist nicht schuld daran, dass Zeitungen reihenweise ihre Literaturseiten „gesundschrumpfen“. Vielmehr hat es das Monopol der traditionellen Medien auf seriöse Literaturkritik gebrochen. Blogs wie die „Notizen“ des promovierten österreichischen Literaturwissenschaftlers Christian Köllerer (koellerer.net) zeigen: Es gibt genug Qualität, man muss sie nur suchen."
(5. Januar 2013)

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